Ruhe finden und gewähren

„Kommet zu mir...und lernt von mir, ...so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Matthäusevangelium 11, 25 - 30).

Diese Einladung gilt für alle, besonders aber für die Mühseligen und Beladenen, die unter den Benachteiligungen des Lebens zu leiden haben. Sie stehen bei Matthäus neben den Unmündigen, Armen (11,5) und den Kleinen (18,6). Jesu Augenmerk ist auf seiten der kleinen Leute, die von den Frommen verachtet werden. Jesus richtet sich auch an Menschen, die bis zum Hals mit ihrem Leben im Sumpf stecken. Dabei müssen wir nicht lange an fremde Menschen denken, sondern können bei uns selber anfangen. Wie oft quälen wir uns selber, wenn unsere Angst uns eingibt, nicht gut genug zu sein; all die Selbstzweifel und vernichtenden Urteile über uns selber, all die Formen verinnerlichter Ablehnung, die uns seit Kindertagen plagen.

Die Einladung will uns Mut machen, aus unseren Ängsten, Zweifeln und Schuldgefühlen herauszutreten und bei ihm zu lernen, nicht mehr in das alte Strickmuster hinein zu geraten.

Wer lernt aufzuschauen, innezuhalten, zur Ruhe zu kommen, sich auf sich selber zu besinnen und allmählich zu unterscheiden zwischen dem, was er selber ist, und dem, was er selber nicht ist; zwischen dem, was er selbst möchte und dem, was er selbst ganz sicher nicht möchte. Wer so feinfühlig und redlich mit sich selber umgeht, dessen Leben wird immer leiser, gesammelter, konzentrierter, persönlicher und sicherer werden.

Ein solcher Weg der Verinnerlichung ist nicht immer ganz leicht.

Aber wer dieses Joch der Ruhe auf sich nimmt, der lernt nach und nach ein Vertrauen, das die Welt wirklich angenehmer und leichter macht.

Der Weg zu diesem Glück besteht darin, bei sich anzukommen.

Das ganze Geheimnis liegt in dem, wovon Jesus im ersten Teil des Evangeliums spricht: dass da Hände sind, die sich um uns legen wie ein Schutz; dass da eine Gewissheit sich bildet, einen inneren Auftrag für unser Leben zu besitzen, der von diesem Hintergrund dieses göttlichen Urvertrauens herrührt; und dass da die Fähigkeit wächst, im Vertrauen auf Gott neu auf Menschen zuzugehen. Dann wird man von Menschen Überraschendes von Gott gesagt bekommen und umgekehrt lernt man in die fremde Not hinein Dinge zu sagen, die man selbst vorher so nicht kannte.

So gesundet das Herz und wird weit und man versteht, dass es keine trennenden Grenzen mehr gibt, sondern nur noch Menschen, die allesamt fehlerhaft und der Vergebung, der Chance zu einem Neuanfang, bedürftig sind.

Gott ist international, er richtet sich nach keiner Konfession oder Institution und lässt sich von keiner Religion vereinnahmen.

Die Bundeskanzlerin Annemarie Huber-Hotz brachte es am Zehn-Jahresjubiläum der IRAS - der Interreligiösen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz auf den Punkt: „Gott hat viele Namen, aber er hat keine Religion. Wer Gott ehrlich sucht, hat die grösste Chance, anerkennen zu können, dass die Gottsuche anderer andere Wege geht.“

Gott hat nur einen Gradmesser: wie menschlich und gütig das ist, was wirklich zwischen uns geschieht. Nur dies zählt eigentlich. Ruhe finden wir, wenn wir seine Güte und Menschlichkeit aufnehmen und dadurch ihm ähnlicher werden, also göttlicher werden. Dann wird unsere Last leicht.

Ich zitiere abschliessend Worte von Starez Siluan, der als Sohn eines russischen Bauern 1866 geboren wurde und als Mönch auf dem Berge Athos 1938 starb:

„Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“, sagt der Herr. Danach sehnt sich auch meine Seele Tag und Nacht, und ich bete zu Gott und bitte die Heiligen und euch alle, die ihr die Demut Christi erlangt habt, betet für mich, dass der Herr auch mir den Geist der Demut sende...

Herr, gib uns allen den Geist der Demut, damit unsere Seelen Ruhe finden in dir...

Leite und erziehe uns, so wie eine zärtliche Mutter ihre kleinen Kinder führt. Lehre jede Seele dein Kommen und zeige ihr die Macht deiner Hilfe. Erquicke die Seelen deiner Gläubigen. Die Fülle deiner Liebe können wir nicht fassen - die irdischen Dinge verdunkeln unseren Geist. Erleuchte uns!

Wer in Demut und Liebe lebt, in dem ist Frieden, er erhebt sich nicht über seine Schwester oder seinen Bruder. Und wer seine Feinde liebt, in dessen Seele findet der Hochmut keinen Raum - die Liebe Christi kennt keine Überheblichkeit...

Gib allen Völkern zu erkennen, wie sehr du uns liebst und dass du denen, die dir vertrauen, ein wunderbares Leben schenkst.“

(Starez Siluan, Schriften Band 2, Kap. III Von der Demut)

Armin Mettler, Allschwil 2007