Was ist Kontemplation?

Im heutigen Sprachgebrauch findet das Wort "Kontemplation" eine vielseitige Verwendung. Oft wird es für die verschiedensten Richtungen und Aktionen gebraucht. Um diesem Wort eine halbwegs eigene Bezeichnung für einen ganz bestimmten Sachverhalt zukommen zu lassen, haben wir den Verein ars vitae gegründet und versuchen die Aussage dieses Wortes auf das eigentlich anthropologisch Existenzielle für den heutigen Menschen herauszustellen.

Ursprung

Schauen wir hierzu zunächst einmal zurück auf den Ursprung des Wortes im abendländischen Christentum und auf den traditionellen Weg der Christen. Dieser Weg beginnt gewöhnlich mit einer gegenständlichen intentionalen Form des Betens. Neben diesem Beten gibt es auch die intentionale Meditation oder christliche Betrachtung. Mit dieser Art ist gewöhnlich eine Art der betrachtenden Meditation gemeint, die eine religiöse Wahrheit, ein Schriftwort, ein Bild oder ein Ereignis aus dem Leben Christi oder eines Heiligen zum Gegenstand hat. Der Betrachtende denkt nach, versucht den Gegenstand zu erfassen, in ihn einzudringen und so zu einer Entscheidung für sein Leben zu kommen. Die Betrachtung wird für die meisten Menschen eine Zeitlang eine beständige Bereicherung und Hilfe bedeuten, doch es dürfte nur wenige Menschen geben, bei denen das immer so bleibt. Die meisten werden nach einiger Zeit die Erfahrung machen, dass die bisher durch Gebet und Meditation gegebene Anregungen trotz allen ernsten Bemühungen abnehmen und schließlich ganz ausbleiben.

Die christliche, intentionale Form der Meditation, die Betrachtung, kann in der Regel nur ein Durchgangstadium im Leben eines Christen sein.

Doch im Laufe der Geschichte verselbständigte sich diese Methode zu der einzigen akzeptierten Weise des christlichen Meditierens. Das ist eindeutig eine Fehlentwicklung, die vielen Christen mangels Kenntnis einer anderen Form einen Fortschritt im spirituellen Leben versperrte. Diese Art der Betrachtung greift nicht tief genug, um den Menschen von innen her zu wandeln und ihm einen wirklichen Zugang zu Gott zu ermöglichen. Den Menschen zu wandeln vermag nur das gegenstandsfreie Gebet - die Kontemplation.

In der mittelalterlichen christlichen Mystik unterschied man zwischen "cogitatio", "meditatio" und "contemplatio". So unterscheidet auch Ignatius von Loyola in seinem Exerzitienbuch zwischen Überlegung (consideratio), Betrachtung (meditatio) und Beschauung (contemplatio). Auch heute sollte eine Dreiteilung (nicht Zweiteilung) der verschiedenen Betrachtungs- und Meditationsweisen üblich sein: Betrachtung, Meditation und Beschauung oder besser gesagt Kontemplation im eigentlichen, strengen mystischen Sinn.

Bei den abendländischen Mystikern fand in irgendeiner Phase ihres geistlichen Weges immer der Übergang von der Meditation hin zur Kontemplation statt, in der das diskursive Denken ausgeschaltet ist und kein Objekt der Meditation oder Gebet mehr existiert. Die Aktivität des empirischen Ich hört auf und der Meditierende lässt sich ein in den Grund seines Wesens, um dort auf den Bereich der absoluten Wirklichkeit zu stoßen, auf den umgrenzten heiligen Bezirk, auf das "Templum" (Kontemplation). Die Existenz dieses Bereiches der Anwesenheit absoluten Seins in unserem Wesensgrund bezeugen einhellig die Erleuchteten aller Religionen und Zeiten. Mögen ihre Ausdrucksweisen verschieden sein, die Bilder kulturell geprägt, wie die "Seelenburg" der Teresa, der "Seelenfunke" Eckeharts, der "Grund" Taulers, die "Buddhanatur" der Buddhisten, um nur einige zu nennen, so weisen sie dennoch alle in die gleiche Richtung des Phänomens. Die Eigenart des Erlebnisses besteht in der bewußtseinsmäßigen Einheit von Erlebendem und Erlebtem, derart, dass im Erleben nicht gesagt werden kann, dass man darin steht, wie ein Schlafender sich nicht vergewissern kann, ob er schläft, ohne den Schlaf zu zerstören! Auf diesen Sachver­halt weist der Ausdruck "Kon-" in Kontemplation hin. Es ist ein Mit-Sein der Existenz ohne Distanzerlebnis.

Aber Kontemplation ist nicht nur eine Form des Betens, sondern auch ein Weg zur menschlichen Reifung (Menschwerdung) und Wahrhaftigkeit. Es ist der Weg der Lebenskunst. Um diesem Ziel näher zu kommen, ist es von großer Bedeutung, dass die kontemplative Übung zu einem Lebensweg wird. Diesen Aspekt zu stärken und zu unterstützen ist das Anliegen von unserem Verein ars vitae.

Kontemplation ist Wandlung aus der Stille

Die Kontemplation ist nichts anderes als eine stille Aufmerksamkeit auf das Geheimnis des Lebens, wie es auch der Fall ist in der spirituellen ZEN-Tradition Asiens. Kontemplation ist Wandlung aus der Stille. Sie ist eine bewusste und wache Art und Weise, zu sehen und zu sein.

Eine Lebenshaltung, die sich nicht an dem unablässigen Geplapper unseres Verstandes ausrichtet, sondern sie durchschaut den Verstand, statt mit ihm zu sehen.

Kontemplation ist ein gereinigtes Fenster der Wahrnehmung. Das Leben wird nicht mehr durch die trüben Schleier der Gedanken, Überzeugungen, Assoziationen und Deutungen wahrgenommen. Das große kognitive Geräusch wird nicht mit der dahinter liegenden Wirklichkeit verwechselt.

Die dahinter liegende Wirklichkeit ist die Ur-Wirkkraft des Lebens und der Liebe. Aus ihr bestehen das ganze Universum und alles, was darin enthalten ist. Es wird oft mit den Synonymen Bewusstsein, Geist oder Gott bezeichnet. Sie beseelt alle Dinge. Es ist die Wirklichkeit, die wir in Wirklichkeit sind. Der Gedankenlärm und alle kognitiven Konstrukte sind nicht mit uns identisch.

Das erste Erwachen, die erste Wandlung des modernen Menschen aus der Stille ist, wenn wir erkennen, dass nichts irgendeine Bedeutung hat und dass wir unsere Bedeutungen selber erfinden.

Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern so, wie wir sind. Unsere kognitiven Konstruktionen beeinflussen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Kontemplation ist also eine bewusste und wache Art und Weise, zu sehen und zu sein. Kontemplation ist die wahr Kunst des Lebens (lat.: ars vitae). Doch wie es bei jeder Kunst der Fall ist, benötigen wir regelmäßige Übung und Selbstdisziplin im Alltag, um von einer Kontemplation als Übungsweg hin zur Kontemplation als Lebensweg und –haltung zu gelangen.

Die Übung der Kontemplation

Kontemplation ist ein wunderbares Geschenk für den modernen Menschen, sich vom Lärm der Gedanken zu befreien und seine Gedanken und Emotionen unterscheiden zu lernen. Sodass wir uns nicht mit den Gedanken identifizieren, obwohl sie immer wieder auftauchen.

Denn, wenn wir in der Stille sitzen, steigen unwillkürlich Gedanken in uns auf, aber wir kümmern uns nicht um sie. Wir verkrampfen uns nicht, wir reagieren nicht, wir leisten keinen Widerstand und achten nicht auf sie. Wir sitzen einfach nur da. Bestimmte Körperhaltungen unterstützen dieses Sitzen. Im Laufe der Übung entdecken wir, dass Gedanken auftauchen und wieder verschwinden wie Wellen im Ozean oder Wolken am Himmel bei Wind. Wenn uns klar wird, wie flüchtig und vergänglich unsere Gedanken sind, dann erkennen wir unser eigentliches wahres Wesen im Schweigen, jenseits aller Worte, jenseits aller Gedanken.

Daher ist die elementarste Form der Kontemplation ist die reine Aufmerksamkeit. Wir beobachten die Dinge vollkommen unbeteiligt, ohne uns an sie zu klammern oder etwas zu beurteilen, nicht darüber nachdenken, sondern aus der Perspektive des liebevollen unbeteiligten Beobachters. Wir sehen zu wie die Dinge, Gedanken, Bilder, Emotionen kommen und gehen; Wir schauen in den Fluss des Lebens, in den Prozess der Evolution.

Um in der reine Aufmerksamkeit konzentriert zu bleiben können wir als Unterstützung unsere Wahrnehmung auf den Atem richten. Klar und losgelöst beobachten wir, wie er kommt und geht, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Wahrnehmen was ist, das ist unsere subjektive Wahrheit im Augenblick.

Wenn wir merken, dass unsere Aufmerksamkeit abschweift und dem Strom der Gedanken folgt, lenken wir unsere Wahrnehmung einfach wieder auf den Gegenstand unserer Aufmerksamkeit zurück, mühelos, ohne uns zu beurteilen oder ein Werturteil zu fällen.

Diese Übung erscheint sehr einfach, ist aber im Alltag nicht immer leicht zu praktizieren. Sie verhilft uns unsere Gedankenflut und Denkgewohnheiten zu erkennen, damit wir ihnen nicht zum Opfer fallen. Kontemplation gibt uns so mehr und mehr die Freiheit wieder, zu entscheiden, ob wir auf unsere Gedanken reagieren wollen oder nicht.

Von der Übung zur Lebenskunst

Wenn wir in der Stille sitzen, fällt uns zuallererst das auf, was sich auf der physischen Ebene abspielt. Wir fühlen uns vielleicht unwohl, irgendwo tut was weh, wir sind nervös oder möchten uns irgendwo kratzen, wo es uns juckt. Wenn wir uns dann daran erinnern, das alles loszulassen, uns unsere Aufmerksamkeit wieder auf unsere Übung richten, dann stimmt sich unsere Aufmerksamkeit immer mehr auf eine tiefere Ebene unseres Bewusstseins ein.

Wir werden uns dann der emotionalen und mentalen Ebene bewusster. Wir fangen an, uns zu langweilen, und fragen uns, wie lange wir wohl schon dasitzen. Alter Ärger oder andere Emotionen und unerledigte Geschichten dringen in unser Bewusstsein – eine Sorge, ein Problem oder Reue. Wir fangen an, über mögliche und künftige Ereignisse nachzudenken, oder geben uns unseren angenehmen Phantasievorstellungen freien Lauf. Davon können wir uns so hinreißen lasen, dass der Sinn unserer Übung – Einsicht ohne Anhaftung, wahrnehmen und loslassen – vergessen. Doch wenn wir immer wieder zu unserer Übung, zu der wir uns entschieden haben, zurückkommen, dringt unsere Aufmerksamkeit zu einer noch tieferen Ebene vor.

Nun können interessante, inspirierende Bilder, Gedanken oder Töne auftauchen. Es ist bestimmt nicht leicht, sich von dieser faszinierenden Ebene zu lösen. Doch wenn wir die Aufmerksamkeit jetzt wieder auf die Übung richten, dann kann sie die Leere hinter allen Dingen berühren – die Ur-Wirkkraft, die alles beseelt und wo es kein Ich mehr gibt.

Sobald ein Gedanke der Erkenntnis sich dazwischendrängt, ist alles wieder vorbei, und wir werden wieder auf die emotionale und mentale Ebene zurückgezogen.

Im Zustand der Leere, taucht die Aufmerksamkeit immer tiefer in das allumfassende Bewusstsein ein, das alles miteinander verbindet. Subjekt und Objekt verschwinden.

Die volle Entfaltung dieser Übung der Kontemplation kann ein ganzes Leben dauern bis sie zu einer Lebenshaltung geworden ist.

Still sitzen können viele. Dabei den Standpunkt des unbeteiligten Zeugens beibehalten und die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung des Augenblicks richten statt auf die Gedanken können nur die, die die Übung der Kontemplation als ihren Weg gefunden haben.

Kontemplation hat jedoch auch etwas Widersprüchliches, denn obwohl sie viele praktische Vorteile mit sich bringt, sind diese Vorteile für den Alltag nicht der eigentliche Sinn der Kontemplation. Letzten Endes hat der wahre Grund der Kontemplation nichts damit zu tun, dass man irgendwo hinkommen oder irgendetwas erreichen will. Kontemplation gehört zu unserem wahren Wesen. Kontemplation ist eine bewusste und wache Art und Weise, zu sehen und zu sein.

Wenn wir den Verstand verlieren, kommen wir zur Besinnung. Statt von unseren Gedanken lassen wir uns jetzt von tieferen Intuitionen leiten. Unser Handeln wir spontaner, und alles geschieht zur richtigen Zeit. Wir fühlen uns verbunden mit allem, was geschieht, und mit den Menschen, mit denen wir zu tun haben. Mitgefühl und Dankbarkeit erfüllen uns. Zornige Gedanken bringen uns nicht mehr in Wut; traurige jagen uns keine Angst mehr ein. Wir entscheiden über unsere Gemütslage. Wir erkennen, dass es nichts Alltägliches gibt. Der Augenblick ist immer das wahre Leben.

Diese Form der Kontemplation finden wir zeitgemäß und versuchen sie im Verein ars vitae zu fördern. Kontemplation ist Lebenskunst.