Was ist Mystik?

Mystik verstehen wir als religiöses Bestreben, das nicht erst auf ein Jenseits nach dem Tod gerichtet ist, sondern bereits die diesseitige Vereinigung mit einer Gottheit oder das Erlangen der Erleuchtung zum Ziel hat. Sie ist eine in vielen Religionen mögliche Haltung innerer spiritueller Erfahrung und damit die höchste Kunst des Lebens (lat.: ars vitae). Ziel der christlichen Religionen ist es die unio mystica, die Vereinigung der Seele mit höheren Wesen (z.B. Gott) zu erlangen.

Mystik bezeichnet die unmittelbare erlebte Erfahrung (Mystische Erfahrung) oder das Erlebnis einer göttlichen bzw. transzendenten Realität, die das gewöhnliche Bewusstsein und die gewöhnliche Erkenntnisfähigkeit des Menschen übersteigt.

Mystiker glauben, dass eine Vereinigung mit dem Göttlichen nur durch die persönliche Erfahrung, das Eintauchen der Seele in das Göttliche geschehen kann. Diesem Ziel sollen vor allem Kontemplation, Hingabe, Meditation, Fasten, Pilgerfahrten, aber auch Angebote zur spirituellen Selbsterfahrung dienen. Die Angebote vom Verein ars vitae versucht diesem Anspruch gerecht zu werden.

Nicht mit Mystik sollte das Irrationale verwechselt werden, wie etwa der Glaube an rosa Einhörner. Mystik hat damit zu tun, den Wundercharakter im Lebendigen zu betrachten, d.h. das dem Verstand übersteigende Erleben im Alltag. Das Leben als Wunder zu begreifen besagt, dass das, was jeder zu verstehen glaubt, im innersten Kern unverstehbar und verborgen liegt. Darum ist auch der Glaube an das Wunder einer göttlichen Macht der Mystik zuzurechnen, wenn hierbei aus dem absolut Göttlichen das Wunder des Seienden (vgl. Seiendes) wird.

Die praktische Anwendung einer christlichen Mystik ist das Gebet. Ein Gebet in Form von aufrichtig gemeinter Fürbitte für die Mit-Menschen, aber auch Bitten um die göttliche Gnade der Erkenntnis (Dein, nicht mein Wille geschehe) und vor allem dem kontemplativen Gebet, dem aufmerksamen Da-Sein in der Gegenwart (Gottes) in allem, was man macht - Kontemplation in Aktion im Alltag.

In der buddhistischen Mystik, die insbesondere im tibetischen Buddhismus Vajrayana und im ZEN verbreitet ist, geht es wie bei allen buddhistischen Schulen nicht um direkte Erfahrung eines göttlichen Wesens, vielmehr ist die Natur des Geistes des Praktizierenden selbst jenseits von Dualität. Sie wird jedoch aufgrund einer temporären Verschleierung nicht als solche erkannt. Aus dieser Nichterkenntnis entsteht die Vorstellung eines unabhängig von anderen Phänomenen existierenden Ichs und damit geht das Auftreten der Geistesgifte Unwissenheit, Hass, Gier, Neid und Stolz einher, die Ursache allen Leidens. Ziel aller Praxis ist es, die Geistesgifte in ursprüngliche Weisheit umzuwandeln, die Ich-Vorstellung aufzulösen und die den unerleuchteten Wesen eigene Aufspaltung der Phänomene in Subjekt und Objekt zu überwinden. Einen Menschen, der dieses erreicht, nennt man erleuchtet oder schlicht Buddha.

Die Sufis (islamische Mystiker) glauben hingegen, dass Gott in jeden Menschen einen göttlichen Funken gelegt hat, der im tiefsten Herzen verborgen ist. Gleichzeitig wird dieser Funke auch durch die Liebe zu allem, was nicht Gott ist, verschleiert, genauso wie durch die Aufmerksamkeit gegenüber den Banalitäten der (materiellen) Welt, sowie durch Achtlosigkeit und Vergesslichkeit. Laut des Propheten Muhammad sagt Gott zu den Menschen: „Es gibt siebzigtausend Schleier zwischen euch und Mir, aber keinen zwischen Mir und euch.“

Bei vielen modernen Wissenschaftlern wird Mystik immer mehr zu einer religionsunabhängigen und transkonfessionellen inneren Kontemplation jenseits der Spaltung in verschiedene Konfessionen und Religionsbekenntnisse gesehen. Als Vorbild dazu wird auch der Schweizer Mystiker Niklaus von Flüe (Bruder Klaus) gesehne, gemäss Carl Gustav Jung »der einzige hervorragende schweizerische Mystiker von Gottes Gnaden, [der] unorthodoxe Urvisionen hatte und unbeirrten Auges in die Tiefen jener göttlichen Seele blicken durfte, welche alle, durch Dogmatik getrennten Konfessionen der Menschheit noch in einem symbolischen Archetypus vereinigt enthält« [Ges. Werke, 11, § 487].

In ihrem Buch Die Visionen des Niklaus von Flüe zeigt Marie-Louise von Franz, wie die Visionen dieses mittelalterlichen Mystikers ihn dazu drängten, sein christliches mit einem heidnisch-germanischen Gottesbild zu verbinden. Es lassen sich darin aber auch Elemente des mystischen Islam (Sufismus), des mystischen Hinduismus und Buddhismus (Tantrismus) und des mystischen Judentums (Kabbala) nachweisen (vgl. Weblinks). Mystik ist grenzüberschreitend.

Etymologisch lässt sich der Begriff Mystik von dem lateinischen mysticus: geheimnisvoll, geheim; bzw. dem griechischen Wort mystikos zu myein: (Augen und Lippen) schließen, herleiten.