Mystik und Konfession
Wir leben in einem Zeitalter, in dem die konfessionelle Gebundenheit in der Gesellschaft sehr nachlässt. Gleichzeitig wird jedoch eine tiefe Sehnsucht nach der religiösen Dimension deutlich spürbar. Zahlreiche Menschen, unabhängig von Alter, Geschlecht und sozialer Zugehörigkeit, sehnen sich nach dieser religiösen Dimension in ihrem Leben, spüren aber auch, dass die Hinführung in diese Dimension von den bestehenden Kirchen und Konfessionen nicht geleistet wird, ja offensichtlich nicht gewollt ist.
Viele suchen daher in östlichen Religionen eine neue geistige Heimat. Dort wird ihnen aber häufig mit dem spirituellen Weg auch wieder, ob es ihnen nun bewusst wird oder nicht, eine Konfession mit Ritualen und Vorstellungen vermittelt, die sie im Grunde nicht suchen. Die Essenz der Religionen ist jedoch weniger das Lehrgebäude, als vielmehr die Erfahrung der Wirklichkeit, auf die in den Konfessionen verwiesen wird.
Es ist die fundamentale Frage nach der Sinnhaftigkeit des Universums, die gekoppelt ist mit der Frage nach der Sinnhaftigkeit der menschlichen Existenz, die sich der heutige Mensch stellt. Der religiöse Mensch der Gegenwart ist nicht mehr auf der Suche nach einem Halt innerhalb eines Glaubensgebäudes und findet seine Antworten daher nicht mehr in der traditionellen kirchlichen Denkweise, Sprache und Theologie. Die Religionen sind entstanden, weil der Mensch, als er Geist erlangte, nach dem Sinn seines Lebens und dem Sinn der Welt fragte. Religion ist daher eine wichtige, ja absolut notwendige Errungenschaft der Evolution. Sie schützt die Spezies vor dem Untergang, dem der Mensch aus Mangel an Sinn wohl anheim gefallen wäre.
Heute müssen viele feststellen, dass die Hoffnungsbilder, die uns die Religionen gegeben haben, nicht mehr tragen. Die Ratio gibt uns ebenso wenig eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens wie die Theologie, die darauf aufbaut. Die Menschen suchen nach Antworten aus der Erfahrung. Unser menschliches Bewusstsein ist offensichtlich reif für eine weitere Erweiterung. Wir entwickelten uns aus einem tierischen Vorbewusstsein in das, was wir das magische Bewusstsein nennen, das vom mythischen gefolgt ist. Seit einigen Jahrtausenden entfalteten wir unsere Ratio und versuchten die Welt damit zu deuten. Doch das befriedigt uns nicht mehr. Selbst die Physik erkennt heute einen Raum, eine Wirklichkeit hinter allem, die sich rational nicht mehr begreifen lässt. Berühmte Physiker wie Schrödinger, Pauli, Planck suchten Deutung im transrationalen Raum. Manche gingen zu den Upanishaden und zu den Weisen des Ostens.
Mystik
Mystik wird immer dann lebendig, wenn die spirituellen Erfahrungen der ´Religionsstifter´ in objektiven, rechtlichen, dogmatischen Formen erstarren. Immer dann, wenn das Recht über das Leben und das Dogma über die persönliche Erfahrung zu dominieren beginnen, entstehen mystische Bewegungen, die einen direkten Kontakt mit Gott suchen. Die Mystik sucht Gewissheit aus der eigenen religiösen Erfahrung und fühlt sich dem eigenen Gewissen verpflichtet, zu dieser zu stehen und über sie zu sprechen. Deshalb haben sich die theistischen Religionen mit der Mystik immer schwer getan. Für die Mystik sind die exoterischen Formen des religiösen Lebens, die sich in der Lehre, in Kulten, Riten, Mythen oder Dogmen manifestieren, wichtige Rituale, die aber von der Erfahrung überstiegen werden. Die Mystik ist eine Reaktion auf die Erstarrung, der Religionen leicht anheimfallen.
Das Wort ´Mystik´ und ´mystisch´ wird verschieden gebraucht. Ich verwende es im engen Sinn als eine Erfahrung, die ich mit ´leere Einheit´ bezeichne. Die Grunderfahrung der Mystik ist Nichts, ´Gottheit´ (Eckhart), ´´Ursprung allen Seins´´ (Nikolaus von Kues), ´Erste Ursache´ (Dionysius). Die östlichen Religionen nennen sie einfach Leerheit oder ´Realisation der Wirklichkeit.´
Leerheit ist der verbindende Hintergrund, der zur Erfahrung der Einheit allen Seins führt. Alle anderen Worte sind nur Metaphern, die versuchen, Leerheit und Einheit auszudeuten. Leerheit ist keine Substanz. Sie ist die nicht mitteilbare Erfahrung in einer transrationalen Bewusstseinsebene. Diese Bewusstseinebene ist eine Form des Begreifens und Erkennens, die das Personale und Rationale übersteigt. Daher ist diese Erfahrung nur schwer ins Personale und Rationale zu übersetzen.
Teresa von Avila beschreibt die leere Einheit in ihrem Buch ´Die Innere Burg´ wie folgt: ´Bei dieser Gnade des Herrn aber, von der wir jetzt sprechen, gibt es keine Trennung mehr, denn immer bleibt die Seele mit ihrem Gott in jener Mitte. Wir wollen sagen: Die Vereinigung gleicht zwei Wachskerzen, die man so dicht aneinander hält, dass beider Flamme ein einziges Licht bildet; und sie ist jener Einheit ähnlich, zu der der Docht, das Licht und das Wachs verschmelzen. Danach aber kann man leicht eine Kerze von der anderen trennen, so dass es wieder zwei Kerzen sind.´ Die wirkliche Einheit beschreibt sie mit folgenden Worten: ´Hier jedoch ist es, wie wenn Wasser vom Himmel in einen Fluss oder eine Quelle fällt, wo alles nichts als Wasser ist, so dass man weder teilen noch sondern kann, was nun das Wasser des Flusses ist und was das Wasser, das vom Himmel gefallen; oder es ist, wie wenn ein kleines Rinnsal ins Meer fließt, von dem es durch kein Mittel mehr zu scheiden ist; oder aber wie in einem Zimmer mit zwei Fenstern, durch die ein starkes Licht einfällt: dringt es auch getrennt ein, so wird doch alles zu einem Licht.´
Gott, der zeitlose Urgrund
Mystik ist ein Erkennen ohne Grenzen. Was wir Gott nennen, ist ein zeitloser Urgrund. Dieser zeitlose Urgrund kreiert sich in Formen, die für eine gewisse Zeit existieren. Was in die Form tritt, wird zu Zeit. Wenn die Form verschwindet, bleibt nur Zeitlosigkeit. Was wir Gott nennen, kreiert sich auch als Mensch. Ein Menschenleben lang ist Gott in dieser Form Zeit. Wenn der Mensch stirbt, ist wieder Zeitlosigkeit. Die zeitlichen Dinge suchen Permanenz, doch die Formen haben keine Permanenz. Sie kommen und gehen. Davon ist auch der Mensch nicht ausgenommen. Gott ist im Menschen eine Zeit lang Mensch. Er inkarniert sich als Geschöpf und geht zurück in die Zeitlosigkeit. Gott ist ein zeitloses Geschehen, das in die Zeit tritt und wieder in die Zeitlosigkeit zurückkehrt.
Das ewige Leben ist nicht deine verlängerte und ungebrochene, niemals endende Biographie. Es ist das Leben, das wir jetzt leben, wenn wir aus dem engen Egoismus, der Individualität befreit werden. Dann entdecken wir das Leben, das Gott selbst ist. Und das ist für mich die wahre Botschaft, die echte Botschaft aller ernstzunehmenden Religionen.
Wir sind zu diesem Bankett des zeitlichen Lebens, mit diesem begrenzten Ego eingeladen - für eine beschränkte Zeit - für drei Wochen, für drei Monate, für hundert Jahre, letzten Endes ist es egal. Unsere rein materialistische, mechanistische Zeitrechnung entspricht nicht der Wirklichkeit.
Zeitlosigkeit lässt sich nicht in Jahren, Minuten oder Sekunden messen. Wir sind von unserem Ich völlig berauscht, weil wir auf den Mond fliegen können oder schneller als der Schall sein können. Doch wenn wir unsere Innerlichkeit verlieren, die Perle, den Schatz, dann verlieren wir unser wahres Menschsein. Der Weg ist schon die Heimat. Ihn zu gehen, ohne Eile, ohne künstliche Verlängerung, ist unsere Berufung. Der Preis, den wir im Tod zu zahlen haben, ist die Befreiung von unserem Ich.
Wir haben Gott auf eine ganz neue Weise zu entdecken. Für mich gibt es keine andere Lösung, als in die Zeitlosigkeit selber vorzustoßen. Die Mystik führt in diese Erfahrung der Zeitlosigkeit. Zeitlosigkeit offenbart sich als Geborenwerden und Sterben.
Die zeitgenössische Naturwissenschaft liefert uns ein gänzlich anderes Weltbild als das, auf dem die Kirche ihre Lehre erbaut hat. Nach wie vor hat die Kirche Schwierigkeiten damit, die Erkenntnisse der Naturwissenschaft in ihr Lehrgebäude einzubauen. Als Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler und Galileo Galilei die Erde aus dem Zentrum der Weltsicht hoben, war dies nicht nur ein Durchbruch für die Wissenschaft, sondern auch ein Umsturz der religiösen Vorstellungen. Galilei wurde gezwungen, sein heliozentrisches Weltbild zu widerrufen und den Rest seines Lebens im Hausarrest zu verbringen. Giordano Bruno starb auf dem Scheiterhaufen, weil er behauptet hatte, dass das Universum unendlich sei. Später folgte die darwinsche Evolutionstheorie. Durch die Erkenntnisse der Naturwissenschaft musste die Theologie immer mehr Korrekturen ihres Denkgebäudes hinnehmen. Die Welt wurde entzaubert und der Gott draußen wurde zunehmend zu einer Hypothese.
Dualismus des Westens
Wir können im 21. Jahrhundert und ausgehend von einem völlig neuen Weltbild unmöglich von Gott so reden, wie das noch bis ins 19. Jahrhundert geschehen konnte. Der ganze Mittelmeerkulturraum folgte einem Dualismus, der von Aristoteles und seiner Lehre gefördert wurde. Theologie, Philosophie und ebenso unsere Kultur und Weltsicht sind von Aristoteles und der Neuscholastik maßgeblich geprägt. Aristoteles ist der Schöpfer der Logik und Analyse: Begriff, Urteil, Schluss, Definition, Kausalität und Finalität sind die Instrumente der Ratio, die bei ihm dominieren. In seinem Werk ´Organon´ spielen Substanz, Beziehung, Raum, Zeit und Qualität die entscheidende Rolle. Diese Dualismen können vom Intellekt nicht zur Einheit geführt werden und darin liegt die Tragik der westlichen Welt. Denn der Intellekt, diese wunderbare Gabe der Evolution, ist gleichzeitig ein Hindernis. Er muss aufteilen, zerlegen und zerkleinern, um Wirklichkeit zu erfassen.
Diese Aufsplitterung ist auch in die Theologie eingegangen. Aristoteles hat einen Gott entworfen, der über allem thront und zu dem man aufsteigen muss. Er ist der Gipfel der Schöpfung, doch er ist nicht in der Schöpfung. Er ist das Ziel, zu dem alles hinstrebt, doch er fließt nicht in die Schöpfung. Die Dinge kommen nicht von Gott, sie fließen zu ihm hin. Sein Gott ist nicht die überfließende Fülle, die sich als Schöpfung offenbart. Albert der Große und vor allem Thomas von Aquin und die ganze Neuscholastik sind von dieser aristotelischen Philosophie stark beeinflusst und prägten die christliche Religion maßgeblich. Das gilt für alle Schattierungen und Konfessionen der theistischen Religionen.
Seit Anbeginn schlägt sich die westliche Welt in ihrer Welterklärung mit diesem dualistischen Ansatz in Philosophie und Theologie herum: Gott - Mensch, Leib - Seele, Phänomenon - Noumenon, Transzendenz - Immanenz, Subjekt - Objekt, Bewusstsein - Intellekt. Dieser Dualismus (cogitatio – extensio), der von Descartes noch einmal neu in unser Denken gepflanzt wurde, kollidiert jedoch mit den neuen Erkenntnissen der Physik und Astrophysik. Letztere liefern uns allabendlich ein Weltbild ins Haus, das diesem Dualismus widerspricht. Mittelalterliche Glaubenswahrheiten, die uns wie Schulweisheiten nahegebracht wurden, werden von diesem neuen Weltbild ad absurdum geführt. Die Interpretation von Wirklichkeit, wie sie aus den Arbeiten der Kopenhagener Schule hervorgegangen ist, beseitigt jeden grundlegenden Unterschied zwischen Materie und Bewusstsein. Was bleibt, ist lediglich eine geheimnisvolle Wechselwirkung, eingebettet in das EINE. Physikalische Einheiten, die in Raum und Zeit getrennt und verschieden voneinander erscheinen, sind in Wirklichkeit auf implizite und grundlegende Weise miteinander verbunden oder vereinigt. Damit soll kein Gottesbeweis aus der Physik entworfen werden. Aber es ist schade, wenn die Theologie einfach an ihnen vorübergeht.
Der dualistische Ansatz findet sich auch im Ersten Testament und ging von da aus ins Christentum ein. Jahwe hat die Welt aus dem Nichts geschaffen, er dirigierte die Welt von außen. Er griff ein, wenn die Menschen versagten. Die Welt, so wie sie ist, verschuldet durch die Sünde des Menschen, wurde zum Jammertal erklärt, zum Tal der Tränen, aus dem es zu fliehen galt. Es kam dadurch notgedrungen zu einer Verachtung der Erde, des Körpers, der Natur, der Frau, der Sexualität und der Sinne. Religion pocht auf moralisches Verhalten - im Jenseits, so heißt es, kommt dann der große Ausgleich.
Diese dualistische Weltsicht ging auch in die Deutung dessen ein, was die Theologie ´Ursünde´ nennt. Sie wurde als Abfall von Gott, als Beleidigung Gottes gebrandmarkt. Das kreierte ein anthropomorphes Gottesbild mit Gott als Richter und Kontrollinstanz, und machte damit einen göttlichen Erlöser und Versöhner erforderlich. Das Auftauchen des personalen Bewusstseins aus einem archaischen Vor-Bewusstsein wurde in der Erlösungstheologie als Abfall von Gott dargestellt. Die Folgen gehen auf alle Nachkommen über. Die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins aus einem archaischen Vor-Bewusstsein, die sich im Rahmen der Evolution vollzog, wurde so zur folgenschweren Sünde erklärt. - Aber Jesus hinterlässt kein Testament, keine Kirche, keine Sakramente - nichts. Der Geist wird euch alle Wahrheit lehren. - Die hartnäckigsten Scholastiker wissen genau, dass Christus nicht prinzipiell der Erlöser, sondern der Befreier ist, der uns in das Reich Gottes führen wollte. Hätte der Mensch nicht gesündigt, wäre Christus auch auf die Erde gekommen!
Der dualistische Ansatz wurde mit dem ´schrecklichen Vergehen´ der Abwendung von Gott erläutert. Die alttestamentarische Opfertheologie wurde ins Christentum übernommen. Der Tod Jesu wird als Lösegeld für den Freikauf des Menschen aus den Händen Satans und als Wiederherstellung der Ehre Gottes betrachtet. Das setzt ein archaisches Gottesverständnis voraus. Gott wird so zum Herrscher, Richter und Strafvollzieher für schlechtes Verhalten und zu einem grotesken Wesen, das mit unserer Weltsicht nicht mehr konform geht.
Das Eine oder der andere theologische Ansatz
Ich kann mir hingegen einen ganz anderen Ansatz für eine christliche Theologie vorstellen. Es gibt diesen Ansatz sogar, und basierend auf ´Sophia perennis´, dem zeitlosen Urgrund aller Religion. Hätte Thomas von Aquin mehr von der damals im Abendland noch wenig bekannten Lehre Platos gewusst, hätte er eine andere Theologie entworfen. Platos Philosophie ist kaum in das Denken des Abendlandes eingegangen, doch alle großen Mystiker folgten ihm: Proklus, Plotinus, Evagrius, Dionysius, ebenso auch Bonaventura, Eckhart, Nikolaus von Kues und Philosophen wie Spinoza und Schelling. Der Gott Platos und der Gott der Neuplatoniker ist in dieser Welt und jenseits der Welt. Die Materie allein existiert nicht, zur Wirklichkeit wird sie erst durch die ewigen Ideen, die in der Materie verkörpert sind.
Diese Theologie geht vom Einen aus. Das Eine ist wie ein Fächer, der sich entfaltet. Alle Formen sind nur Facetten des Einen. Das führt zu einer kosmischen Religiosität, zur Evolutionstheologie. Sie interpretiert keinen Bruch in die Entwicklung des Kosmos und der Spezies Mensch hinein, sondern erkennt darin ein kontinuierliches Erwachen des göttlichen Bewusstseins im Menschen. Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch. Er ist die Symphonie, die erklingt. Der Komponist steht nicht außerhalb und dirigiert, er erklingt als diese Symphonie. Er ist ihre Musik und alle Formen sind nur Noten. Was wir Gott nennen, kreiert sich Augenblick für Augenblick neu. Erlösung erhält in diesem Zusammenhang eine ganz neue Bedeutung. Sie ist die Erkenntnis, dass alles Eins ist. Erlösung ist das Erwachen zu unserem wahren Wesen, zu unserer wahren Identität. Es ist ein Prozess der Enthüllung und Befreiung. Was wir wirklich sind, beginnt nicht mit der Geburt und endet nicht mit dem Tod. Die vorpersonale Wirklichkeit entfaltet sich auf einem zeitlosen Hintergrund. Das Personale und Individuelle entsteht, wenn diese Erste Wirklichkeit heraustritt und sich in die unzähligen Formen ergießt.
Die Ratio tut sich schwer mit einer solchen Weltsicht. Es ist das Welt- und Gottesverständnis der Sophia perennis, der ewigen Weisheit, wie sie in allen Religionen anzutreffen ist. Sie kommt aus der Erfahrung der Wirklichkeit, nicht aus dem Denken. Diese Weltsicht erfordert Mut zur Metaphysik. Mystik ist transmental, transhistorisch. Eine transhistorische Erfahrung des Universums erwartet auch keine Erfüllung am Ende der Zeiten, sondern eine Erfüllung im Hier und Jetzt. Der Sinn des Lebens liegt nicht in dem, was vor uns liegt und auch nicht in dem, was hinter uns liegt. Er liegt im zeitlosen Augenblick. Hier und jetzt ist alles eine Epiphanie des göttlichen Urprinzips. Das Eine und Unteilbare ist das einzig Wirkliche. Alles Personale ist nur eine Ausdrucksform des Einen. Was wir Gott nennen, offenbart sich als Kommen und Gehen, als Geborenwerden und Sterben.
Mystik - die Religiosität der Zukunft
Mystik führt aus der Vielheit in die Einheit, aus den Formen und Dingen in das formlose Unbedingte, aus der Zeitlichkeit in die Zeitlosigkeit, vom Geschaffenen ins Ungeschaffene. Der Weg führt in die Erfahrung der absoluten Wirklichkeit. Gefühle, Denken, Handeln und die ganze Lebenspraxis sind betroffen und ändern sich. Nichts bleibt, wie es war, weder Welt noch Mensch noch Gott. Mystik ist Ich-, Welt- und Gotteserschütterung. Sie führt in den dreifachen Untergang, in die dreifache radikale Verwandlung. Sie ist die Religiosität der Zukunft. Dieses Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Metaphysik werden, aber nicht einer Metaphysik der Theologie, sondern einer Metaphysik der Erfahrung.
Die Mystik transzendiert die Wissenschaft und das Rationale (ohne beide auszuschließen). Geist, das Numinose, ist der wahre Hintergrund des Seins. Geist ist in unserem Innern zu finden: Reich Gottes, ewiges Leben. Es gibt für jeden Menschen einen Weg, die ´wirkliche Wirklichkeit´ zu erfahren und aus der Verstrickung in das Materielle und Personale herauszukommen. Wer sich auf diesen mystischen Pfad macht, kann eine tiefere Einsicht, Erleuchtung oder Satori erfahren. Um diese Erfahrungen zu machen, muss man keiner Konfession angehören. Jede tiefe Erfahrung führt ins Engagement am Mitmenschen und in der Welt. Der Weg führt in den Alltag.
Nur wenn die Christenheit ihre Mystik wieder entdeckt, wird sie die Auseinandersetzung mit den Religionen des Ostens bestehen. Dort ist sie der selbstverständliche Urgrund der Religion. Im Christentum hingegen untersteht sie der Dogmatik und ist daher eine ´gebremste Mystik´. Sie musste ihre Erfahrungen immer redogmatisieren, um nicht mit der Institution in Konflikt zu geraten. Daher ist sie auch nicht die bedeutsamste Mystik unter den Religionen.
Alle Rede über Mystik ist in den Wind gesprochen, wenn das Organ zur Aufnahme fehlt. Daher möchte ich ein Wort von Eckhart an den Schluss stellen: ´Wer diese Rede nicht versteht, der bekümmere sein Herz nicht damit. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleicht, solange wird er diese Rede nicht verstehen.´ (Predigt 32)
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