Kontemplation - Wiederentdeckung und Belebung des schweigenden Gebets

Hintergrund

Wenn Menschen einen Weg in die "erfahrbare Gottes-" bzw. "Erleuchtungserfahrung" suchen, wenden sie sich eher einer östlichen Religion zu, als in einer christlichen Religion danach zu suchen. Die Hindus haben ihren Weg zur Erleuchtung im Yoga, die Buddhisten im Zen - das auch das Christentum einen Weg zur Erleuchtung hat, ist vielen unbekannt. Dieses Wissen wurde über viele Jahrhunderte hindurch vernachlässigt, ja sogar bekämpft - auch von der Kirche selber.

Dennoch kennt die Geschichte des Christentums viele erleuchtete Mystiker. Die christliche Tradition nennt die spirituelle Praxis dieser Mystiker KONTEMPLATION

Wenn ich in diesem Zusammenhang von spiritueller Praxis spreche, so möchte ich auch darauf aufmerksam machen, dass dieser vorliegende Aufsatz über das Thema KONTEMPLATION nicht nur eine Arbeit über eine Theorie sein soll, sondern auch Anreiz für genau diese Praxis ist. Also auch eine Einladung zur Übung einer vielleicht nicht vermuteten Praxis des Betens im Christentum.

Es wäre absurd eine Abhandlung über eine Gebetsform zu lesen ohne selber einmal die Praxis dieser Gebetsform "gekostet" zu haben. Daher bitte ich den Leser sich erst dann ein abschließendes Urteil darüber zu bilden, wenn er neben dem theoretischen Studium dieser Arbeit auch eigene Erfahrungen mit praktischen Übungen gemacht hat. Für ein klares Verständnis dieser vorliegenden Arbeit erscheinen mir diese eigenen Erfahrungen unumgänglich.

So ist diese Arbeit nicht nur Lesestoff für den Intellekt, sondern Inspiration, damit der Mensch eigene Erfahrungen mit seinem wahren Selbst machen kann. Diese spirituelle Form der KONTEMPLATION, d.h. des gegenstandsfreien, schweigend-wortlosen Betens schied im Laufe der Zeit aus dem breiten Feld der kirchlichen Spiritualität aus.

Erst durch die Sehnsucht vieler Gläubigen nach einem ursprünglichen Leben und nach ganzheitlicher Sinngebung wurde diese Gebetsform wieder lebendig. Einer, der für diese Wiederbelebung im christlichen Abendland u.a. verantwortlich ist, ist Pater Lassalle.

Im Jahre 1929 zog der deutsche Jesuitenpater Hugo Lassalle aus Deutschland aus, um den Japanern das Christentum zu bringen. Rund vierzig Jahre später kehrte er als Enomiya- Lassalle in seine Heimat zurück, um den Deutschen die japanische Zen-Meditation zu bringen.

Enomiya-Lassalle hatte diese gegenstandsfreie, schweigend-wortlose Übung des Ostens als ein Mittel erkannt, den religiös verunsicherten oder gleichgültigen Christen zu eigener religiöser Erfahrung zu verhelfen oder sie so von ihren Zweifeln zu befreien; denn was man einmal erfahren hat, kann einem niemand mehr ausreden. Als günstige Nebenwirkung bietet die Zen-Meditation auch seelischen Schutz gegen die krankmachenden Einflüsse unserer Alltagswelt und erweist sich immer wieder als eine Kraftquelle in allen Lebenslagen.

Aber was hat diese Zen-Meditation der Japaner mit unserer christlichen Spiritualität in Europa zu tun?

Die Zen-Meditation ist wie die christliche Kontemplation eine gegenstandsfreie, schweigend-wortlose Übung. Beide Formen sind zwar in ihre kulturellen und weltanschaulichen Traditionen eingebettet und können nicht isoliert von dieser Tradition betrachtet werden, aber neben all diesen Verschiedenheiten ihrer Ausdrucksformen gibt es doch verblüffende Gemeinsamkeiten bezüglich ihrer Praxis. Dies soll aber erst im näheren in der vorliegenden Ausgabe beleuchtet werden. Fest steht jedoch, dass das Christentum durch die Begegnung mit der Zen-Meditation wieder zurückverwiesen wurde auf seine eigenen kontemplativen Übungen wie sie in der christlichen Mystik zu finden sind.

Parallel zum Zweiten Vatikanischen Konzil hatte u.a. Pater Enomiya-Lassalle diese Wiederbelebung ins Rollen gebracht.

Kontemplation - Was ist das?

Im heutigen Sprachgebrauch findet das Wort "Kontemplation"[1] eine vielseitige Verwendung. Oft wird es für die verschiedensten Richtungen und Aktionen gebraucht. Um diesem Wort eine halbwegs eigene Bezeichnung für einen ganz bestimmten Sachverhalt zukommen zu lassen, möchte ich versuchen, die Aussage dieses Wortes auf das eigentlich gemeinte herauszufiltern.

Schauen wir hierzu zunächst einmal auf den traditionellen Weg eines Christen im geistlichen Leben. Dieser Weg beginnt gewöhnlich mit einer gegenständlichen intentionalen Form des Betens. Neben diesem Beten gibt es auch die intentionale Meditation oder christliche Betrachtung. Mit dieser Art ist gewöhnlich eine Art der betrachtenden Meditation gemeint, die eine religiöse Wahrheit, ein Schriftwort, ein Bild oder ein Ereignis aus dem Leben Christi oder eines Heiligen zum Gegenstand hat. Der Betrachtende denkt nach, versucht den Gegenstand zu erfassen, in ihn einzudringen und so zu einer Entscheidung für sein Leben zu kommen. Die Betrachtung wird für die meisten Menschen eine Zeitlang eine beständige Bereicherung und Hilfe bedeuten, doch es dürfte "nur wenige Menschen geben, bei denen das immer so bleibt. Die meisten werden nach einiger Zeit die Erfahrung machen, dass die bisher durch Gebet und Meditation gegebene Anregungen trotz allen ernsten Bemühungen abnehmen und schließlich ganz ausbleiben"[2]

Die christliche, intentionale Form der Meditation, die Betrachtung, kann in der Regel nur ein Durchgangstadium im Leben eines Christen sein.

Doch im Laufe der Geschichte verselbständigte sich diese Methode zu der einzigen akzeptierten Weise des christlichen Meditierens. Das ist eindeutig eine Fehlentwicklung, die vielen Christen mangels Kenntnis einer anderen Form einen Fortschritt im spirituellen Leben versperrte. Diese Art der Betrachtung greift nicht tief genug, um den Menschen von innen her zu wandeln und ihm einen wirklichen Zugang zu Gott zu ermöglichen. Den Menschen zu wandeln, im Sinne von Wandlung, vermag nur das gegenstandsfreie Gebet. "Denn der Mensch muss in seinem Grunde umgewandelt werden und darum muss die gegenständliche Form früher oder später durch die übergegenständliche bzw. gegenstandsfreie Form, die im Seelengrund vollzogen wird, abgelöst werden".[3]

Die christliche Lehre vom geistlichen Leben betonte schon immer nicht bei der überwiegenden Verstandestätigkeit der Betrachtung stehen zu bleiben.

In der mittelalterlichen christlichen Mystik unterschied man zwischen "cogitatio", "meditatio" und "contemplatio". So unterscheidet auch Ignatius von Loyola in seinem Exerzitienbuch zwischen Überlegung (consideratio), Betrachtung (meditatio) und Beschauung (contemplatio). Auch heute sollte eine Dreiteilung (nicht Zweiteilung) der verschiedenen Betrachtungs- und Meditationsweisen üblich sein: Betrachtung, Meditation und Beschauung oder besser gesagt Kontemplation im eigentlichen, strengen mystischen Sinn.

Bei den Mystikern fand in irgendeiner Phase ihres geistlichen Weges immer der Übergang von der Meditation hin zur Kontemplation statt, in der das diskursive Denken ausgeschaltet ist und kein Objekt der Meditation oder Gebet mehr existiert. Die Aktivität des empirischen Ich hört auf und der Meditierende lässt sich ein in den Grund seines Wesens, um dort auf den Bereich der absoluten Wirklichkeit zu stoßen, auf den umgrenzten heiligen Bezirk, auf das "Templum" (Kontemplation). Die Existenz dieses Bereiches der Anwesenheit absoluten Seins in unserem Wesensgrund bezeugen einhellig die Erleuchteten aller Religionen und Zeiten. Mögen ihre Ausdrucksweisen verschieden sein, die Bilder kulturell geprägt, wie die "Seelenburg" der Teresa, der "Seelenfunke" Eckeharts, der "Grund" Taulers, die "Buddhanatur" der Buddhisten, um nur einige zu nennen, so weisen sie dennoch alle in die gleiche Richtung des Phänomens. Die Eigenart des Erlebnisses besteht in der bewußtseinsmäßigen Einheit von Erlebendem und Erlebtem, derart, dass im Erleben nicht gesagt werden kann, dass man darin steht, wie ein Schlafender sich nicht vergewissern kann, ob er schläft, ohne den Schlaf zu zerstören! Auf diesen Sachver­halt weist der Ausdruck "Kon-" in Kontemplation hin. Es ist ein Mit-Sein der Existenz ohne Distanzerlebnis."[4]

Aber Kontemplation ist nicht nur eine Form des Betens, sondern auch ein Weg zur menschlichen Reifung (Menschwerdung). Um diesem Ziel näher zu kommen, ist es von großer Bedeutung, dass die kontemplative Übung zu einem Lebensweg wird. Die mystischen Schriftsteller sprechen von einer dauernden Wandlung oder dem Gebet ohne Unterlass.[5]

Aus dem breiten Horizont der Kenntnis vielfältiger mystischer Traditionen weiß Yves Raguin, Missionar und Lehrer des Jesuitenordens, über Kontemplation folgendes zu sagen:

"Kontemplation ist den Menschen so natürlich wie Sehen, Empfinden oder Atmen. Eine Landschaft, ein Gemälde, eine Statue, ein Menschenwesen kontemplieren sind Akte des täglichen Lebens... Kontemplation beginnt mit einem schlichten Blick, der sich auf einen Gegenstand richtet, entfaltet sich dann zu einem stummen Dialog zwischen dem Kontemplativen und dem Geheimnis... Die Kontemplation ist also eine ganz bestimmte Aktivität des Geistes... In dem Maße, wie der Kontemplative das Geheimnis als Gegenstand seiner Kontemplation ins Bewusstsein nimmt, wird auch das Bewusstsein, das er von sich selbst hat, tiefer und klarer...

Im gewöhnlichen Sprachgebrauch schließt die Meditation vernünftiges Nachdenken, Betrachtungen, Vergleiche ein, von denen die Kontemplation nichts weiß. Die Kontemplation ist normalerweise nichts anderes als eine stille Aufmerksamkeit auf das Geheimnis der Dinge oder des Menschenwesens, wie es auch der Fall ist in der spirituellen Tradition Asiens. Jegliche Kontemplation verlangt eine innere Haltung des Friedens und der tiefen Sammlung. Kontemplation schließt ein, dass die Aufmerksamkeit gesammelt und nicht zerstört oder analysiert wird. Gelangt der Kontemplative in diesen Zustand schlichter, aufmerksamer Gegenwart, so dringt er durch die Erscheinungen hindurch, um in die Gemeinschaft mit dem Geheimnis einzutreten: der Dinge, Gottes und der Person, Geheimnisse, die sich enthüllen in dem Maße, wie seine Kontemplation tiefer wird. Meiner Ansicht nach ist die passive Kontemplation für die gegenwärtige Situation besser geeignet, weil heute nicht davon auszugehen ist, dass der Suchende neutral gegenüber Kirche, Glauben, Religion steht. Oft ist es so, dass die Menschen verprägt und konditioniert sind durch falsche kirchliche Praxis. Oft entsteht aus dieser vorbelasteten Sicht eine Abneigung oder falsches Verständnis zur spirituellen Praxis und vor allem zur Heiligen Schrift. Da die aktive Kontemplation jedoch eine unbelastete, neutrale Einstellung, z.B. zur Bibel voraussetzt, ist meines Erachtens die passive Kontemplation zur Richtigstellung heute geeigneter.

Eine solche (passive) Kontemplation ist ein Geschenk Gottes, das er ganz für umsonst verleiht und durch das er den Kontemplativen in den Zustand der Rezeptivität versetzt. Deshalb wird eine solche Kontemplation "passiv" genannt. Das Geheimnis manifestiert sich, sei es in der Vernunft, sei es im Herzen, sei es noch tiefer, auf eine so geheimnisvolle Weise, dass es der Kontemplative empfängt, ohne zu wissen, was er empfängt. Er ist eingetreten in die passive, eingegossene oder mystische Kontemplation.

Es gibt wohl Methoden, die von den Meistern vorgestellt werden, um die kontemplative Erfahrung zu vertiefen. Aber jede menschliche Anstrengung der Kontemplation ist immer zu kurz. Es ist nötig, dass Gott selbst sich zeigt, mitten in unserer Anstrengung und unserem Sein, damit wir zur Kontemplation unseres Geheimnisses und des Geheimnisses Gottes gelangen können. Solche Kontemplation ist auf der einen Seite eine Manifestation Gottes selbst und auf der anderen Seite das Bewusstsein dessen, dass Gott selbst es schenkt, was der Mensch tut."[6]

Über die Frage, was die Natur bewirkt und was durch Gottes Gnade geschenkt wird, wurde schon im Mittelalter gestritten. Meister Eckehart rät, die Diskussion erst gar nicht zu führen: "Ein Mensch hätte gerne eine Quelle in seinen Garten geleitet und sprach: "Damit ich Wasser bekomme, achte ich allzumal nicht darauf, welcher Art die Rinne ist, durch die ich es bekomme, sei es eisern oder hölzern oder beinern oder rostig, wenn ich nur das Wasser bekomme". Also tun die gar unrecht, die sich darum kümmern, wodurch Gott seine Werke in dir wirkt, sei es Natur oder Gnade. Dabei laß ihn wirken und habe nur Frieden. Denn so viel bist du in Gott, soviel du in Frieden bist und so viel aus Gott, soviel du aus Frieden bist. Ist etwas eins mit Gott, das selbe hat Frieden. So viel in Gott, soviel in Frieden... Laß Gott in dir wirken und kümmere dich nicht darum, ob er mit der Natur wirkt oder über die Natur, beides ist sein, die Natur und die Gnade. Was geht dich das an, womit es ihm zu wirken paßt oder was er wirkt in dir oder in einem anderen? Er soll wirken wie oder wo oder in welcher Weise auch immer es ihm paßt... Er wirkt und ich werde."[7]

Eines besagt die Kontemplation auf jeden Fall, und zwar dass der Mensch in die Nähe des Geheimnisses Gottes kommt. Also ist im Grunde eine Schrift über Kontemplation zugleich auch eine Schrift, die über die Gotteserfahrung zu sprechen versucht.

Die Tradition der kontemplativen Übung geht bis zu den Anfängen im Christentum zurück. Ein Mönchschreiber, der schon im 4. Jhrd. gelebt hat, gibt wichtige Hinweise, wie die Kirchenväter bzw. die alten Mönche das kontemplative Gebet praktiziert haben. So schreibt er zum Beispiel, "wenn Du betest, dann stelle Dir die Gottheit nicht durch irgendein Bild vor, das Deinen Geist mit irgendeiner besonderen Form beschäftigt, sondern so wirst Du Erkenntnis erlangen... Du wirst nicht zum reinen Gebet kommen, wenn Du in Geschäften steckst, die sich mit materiellen Dingen befassen und Du daher unaufhörlich in der Sorge um sie beunruhigt bist. Denn wer betet, muss sich von dem Gedanken befreien... Wenn Du betest, dann kümmere Dich nicht um die Bedürfnisse Deines Leibes, sonst könntest Du wegen eines Flohbisses oder wegen einer Laus, einer Fliege oder einem Moskito jener unübertroffenen Gabe Schaden zufügen, die Du im Gebet erhältst...

Beim Beten darfst Du Dir auf keinen Fall ein Bildnis von irgend etwas machen, auch nicht vom Herrn, Du darfst Dir nichts vorstellen... Glücklich ist jener Geist, der während des Gebetes frei ist von allem Gegenständlichem, ja sich aller Gedanken entledigt hat...

Glücklich ist der Geist, der während des Gebetes vollständig frei ist von aller sinnenhaften Erfahrung... Jenes Gebet ist noch nicht vollkommen, wenn der Mönch der betet, weiß, dass er betet.[8]

Um jedoch einen Ruf zur Kontemplation richtig erkennen zu können, so meint Peter Köster, sind einige Zeichen bzw. Kriterien wichtig.[9]

1. Ein wachsendes Verlangen nach Kontemplation, das sich während der herkömmlichen täglichen Gebetsübung ständig bemerkbar macht - eine Sehnsucht, die sich ganz von selbst einstellt.

2. Eine Unfähigkeit, gegenständlich zu meditieren, bzw. zu beten.

3. Eine stille Sehnsucht nach Gott.

4. Keine rechte Freude an geschaffenen Dingen, ein Gefühl von Arm-seligkeit oder Traurigkeit.

5. Ein Gefühl völliger Unzulänglichkeit, solange nicht diese einfache liebende Sehnsucht der innere Beweggrund für das ganze Wirken ist.

6. Eine Sehnsucht nach Einsamkeit, die inneren Frieden und Ruhe gibt (keine Flucht).

7. Die Erfahrung von Glück, wenn nach längerer Zeit der "Trockenheit" diese "stille liebende Sehnsucht" nach Gott sich plötzlich wieder meldet - eine tiefe Freude, die größer ist als der vorher empfundene Schmerz über ihren Verlust.[10]

Jedoch ist es fraglich geworden, ob die herkömmliche Grundregel, dass die christliche Meditation normalerweise mit Gegenständlichem beginnen soll, heute noch Geltung besitzt.[11] Dennoch sollten wir uns davor hüten, deswegen die anderen Formen zu missachten. Der kontemplative Weg ist eine Ergänzung und Weiterführung unserer spirituellen Praxis und soll weder Liturgie noch andere Ausdrucksformen verdrängen.

1 Situationsüberlegungen

1.1 Situation KRISE

Infolge der Aufklärung kam es zur Säkularisierung. Die entstehende säkulare Kultur begründet ihre Lebensvollzüge nunmehr im Humanistischen und (Natur)Wissenschaftlichen. Die historisch geprägten Religionen werden hier weitgehendst unbeachtet in der Vergangenheit gelassen. Der Mensch hat gelernt, in allen wichtigen Lebensfragen mit sich selber fertig zu werden ohne Berücksichtigung seiner religiös geprägten Kultur. Durch die fortlaufende Entwicklung der modernen Industriegesellschaft wird die Religion immer mehr an den Rand des industriellen und gesellschaftlichen Lebens gedrängt. Die Postmoderne schien einer religionslosen Zeit entgegen zu gehen.

Inzwischen jedoch ist deutlich geworden, dass der Prozess der Säkularisierung zwar tiefe und fundamentale Veränderungen in Gang gesetzt hat, nicht aber das absolute Ende von Religion überhaupt ist. "Die säkulare Kultur selbst produziert ein tiefes Bedürfnis nach Sinnerfüllung des Lebens, damit auch nach Religion. Die Vorstellung, die fortschreitende Säkularisierung werde Religion zu einer immer mehr verschwindenden Randerscheinung machen, kann heute als unbegründet und überholt bezeichnet werden".[12]

Die Grenzen unserer Konsumgesellschaft und des Wirtschaftswachstums machen immer mehr Menschen deutlich, dass der Mensch "nicht vom Brot allein" lebt. Die scheinbare Religionsvergessenheit führt uns heute zu neuen religiösen Bewegungen. Der technische Fortschritt und der Zuwachs an materiellem Wohlstand hat für viele heute schon an Reiz verloren. Immer mehr werden die einst vielfältigen Lebensbereiche des Einzelnen in das System von Produktion und Konsum integriert und weitgehendst funktionalisiert. Die Möglichkeit, eine eigene Identität zu erfahren und zu erleben ist stark reduziert. Menschen, denen diese Möglichkeit jedoch genommen wird, geraten nicht selten in eine entsprechende Identitäts- oder Lebenskrise. Diesen Knotenpunkten des Lebens wird auf unterschiedlichste Art begegnet. Von Verdrängung und Flucht in Illusionswelten bis zur absoluten Annahme der Funktionalisierung (= Gleichgültigkeit).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es zur Definition der Weltlage zu Beginn der 90er Jahre kaum ein treffenderes Wort als das der "Krise" gibt. Während jahrelang ein aufbruchartiger sozialer und kultureller Fortschrittglaube vorherrschte, macht sich heute ein vehementer Zweifel an dieser Weltordnung unserer Gesellschaft breit.

"... diese Moderne der Rationalität und der Aufklärung, der Naturwissenschaft und Technik, des Nationalismus und Imperialismus, der Menschenherrschaft über sich selbst und die Welt und die damit heraufgeführte Naturlosigkeit und Gottlosigkeit befinden sich in der Krise..."[13]

Anstelle der Verwirklichung von Emanzipation ist teilweise eine Verzweckung und Entmündigung des Bürgers getreten. Dieser ist somit gehemmt in seiner Spontanität und Initiative. Inmitten materiellen Überflusses verkümmert die Lebensqualität, d.h. die Fähigkeit zu lieben und kreativ zu sein.[14] Heute ist zu erkennen, dass eine rein individualistisch-kapitalistische Weltanschauung zur Selbstzerstörung führt. Eine an Macht, Geld, wirtschaftlichem Erfolg und Leistung orientierte Gesellschaft macht krank und unglücklich. Habgier zerstört die Beziehungsfähigkeit individuell wie auch gesellschaftlich.[15]

Jürgen Wunderli bezeichnet die Dekadenz und Krise der westlichen Zivilisation als "die Krise der Veräußerung, der Leistungsdominanz, der Überbetonung des Verstandes, der materialistischen Fäulnis, kurz die Krise des inneren Menschen. Aus dieser Krise kann uns nur eine ernsthafte Zuwendung zum Inneren führen, eine ausgleichende Introversion, die das Tor zur wirklichen Erfahrung des Unbedingten in uns öffnet..."[16]

Gegen diese maßlos gewordene "vita activa" westliche Technokratie rufen viele Menschen die integrierenden und heilenden Kräfte der "vita contemplativa" zu Hilfe.

1.2 Bewußtseinsänderung

Der von Organisation, Technik und Betrieb gehetzte Mensch verlangt zurück nach den wesenhaften Wurzeln seines Daseins. Er spürt bei der Begegnung mit der kontemplativen Seite seines Wesens das Wertvolle der Ganzheitlichkeit, die aus Stille und Meditation hervorwächst.

Vor allem die Meditation und Tradition des Ostens findet bei vielen Menschen, die auf der Suche nach spiritueller bzw. kontemplativer Praxis sind, großen Anklang.

Seit spätestens der 60er Jahre erkennt man diesen spirituellen Aufbruch. Die Intellektuellen haben Hermann Hesse neu wiederentdeckt und spätestens mit der Hippiebewegung ist das Wort Meditation kein Exot mehr. Was jedoch in den 60er/70er Jahren als Modewelle bezeichnet wurde, hat sich heute als leise aber stetig fließender Fluss herausgestellt. Dieser Fluss hat heute sicherlich viele Nebenflüsse entwickelt (New Age, Esoterik, Entdeckung der Indianerweisheit...) und dennoch ist klar festzuhalten: der Mensch sucht das Gegenstück seines Daseins, um in seiner Ganzheit leben zu können. Der große Markt der Angebote reagiert - leider nicht selten mit unseriösen bzw. nicht heilfördernden Angeboten.

"Doch der Zustrom zu Meditation und die Faszination an der östlichen Weisheit hält bis heute unvermindert an. Eine neue Religiosität macht sich in allen Altersgruppen und sozialen Schichten breit."[17]

Während bislang bei der Auseinandersetzung mit den neuen religiösen Bewegungen von kirchlicher Seite hauptsächlich Abwehr und Warnung vorherrschten und selbstkritische Töne selten angeschlagen wurden, nehmen heute bereits bedeutende Theologen an, dass die neue Religiosität mit ihrer mystischen Komponente vielleicht der Gesprächspartner des Christentums der Zukunft werden wird.

Die neue Religiosität, die zum größten Teil jedoch außerhalb kirchlicher Kreise verläuft, erweist sich zunehmend als schmerzlicher Stachel im Fleisch der Großkriche, denn genau dieser Erfolg läuft parallel mit einer deutlichen Abkehr von der Großkirche. Die Zahlen der Kirchenaustritte des Jahres 1993 unterstreichen diese Aussage, dass die neue Religiosität zweifelsohne eine Herausforderung für die Kirche darstellt.

Deutlich wird, dass die Hinkehr zur neuen Religiosität zugleich Kirchenkritik beinhaltet. Das Dilemma ist perfekt. Kirche und Religiosität werden als unterschiedlichste Dinge erfahren. Man wendet sich deswegen zu anderen spirituellen Praktiken, weil man in ihnen das positive Angebot einer Lebensbewältigung entdeckt, das das Christentum - bedauerlicherweise - so nicht mehr zu bieten hat. Die Kirche kann offensichtlich derzeit ihren Auftrag nicht zufriedenstellend erfüllen.

1.3 Institution Kirche

Ebenso wie die westliche Industriegesellschaft befindet sich derzeit auch die Kirche in einer Krise, was kaum zu übersehen ist. In der Moderne bzw. Postmoderne muss die Kirche lernen ohne politische Privilegien aus eigener Kraft existieren zu können.[18]

"Nichts ist mehr verbindlich, alles geht, der Mensch hat keine Orientierung mehr. Wir leben in einer Zeit unübersehbarer Stilvielfalt und fehlender Perspektiven."[19]

Dazu kommt, das die heutige Zeit einerseits durch eine Zunahme der Entkirchlichung, also einem Infragestellen der Kirche auch als reine normative Instanz, und andererseits durch den Wandel der Wertorientierung geprägt ist. "Charakteristiken unserer Zeit, die gerne als Postmoderne bezeichnet wird, ist die anscheinende Beliebigkeit von Werten, Wertorientierungen und Wertentscheidungen."[20]

In diesen allgemeingesellschaftlichen Bewusstseinsprozess sind auch die Kirchen einbezogen: sie werden primär nicht als "Glaubensgemeinschaft" wahrgenommen, sondern als "Amtskirche", d.h. als öffentliche Einrichtung, durch ihre hauptamtlich repräsentierte Organisationen zur Erfüllung der religiösen Bedürfnisse charakterisiert. Je weniger die Kirche jedoch diese Erwartungen, also die Erfüllung der religiösen Bedürfnisse, gerecht wird, umso mehr verlieren die Kirchen an gesellschaftlicher Bedeutung. Der heutige Auftrag der Kirche scheint sich oftmals für viele nicht mit dem Auftrag des Evangeliums zu decken. Ab einem gewissen Enttäuschungsmaß sucht man sich dann sehr schnell scheinbar kompetentere oder auch "pflegeleichtere Sinnagenturen".

Heute gilt das Motto: "Religion möglicherweise ja - personaler Gott nein" (J.B. Metz)

Es ist heute durchaus legitim nach einem letzten, einfachen, sinngebenden Glauben zu suchen. aber man sucht ihn immer weniger im christlichen Glauben. Seine Botschaft vom perso­nalen Gott wirkt für viele einfach zu anthropomorph, zu kon­kret, ja zu verbindlich. Die Offenheit für "das Göttliche" will und kann sich bei vielen nicht mehr konkretisieren zu einer personalen Bindung an ein "göttliches Du". Wenn zudem die Kirche diese Bindung an Gott noch in eine, die Glaubenden verbindende, eben verbindliche Sprache (vgl. Credo. Dogma, Hochgebet...) fasst, wird der christliche Glaube dem modernen religiösen Empfinden gegenüber völlig unver­ständlich. Religion gilt eben weiterhin als rein subjektive Ge­fühlssache, die in keiner Weise intersubjektiv verbindlich formuliert werden kann. Den befreienden Charakter der christlichen Botschaft können die Kirchen immer schwieriger "rüberbringen", sei es im Wort oder durch das gelebte Leben selbst. Die klassische Institution der Glaubensvermittlung (Familie, Religionsunterricht, Katechese, Predigt...) greifen nur noch sehr vereinzelt. Die zentralen Begriffe und Realitä­ten unseres Lebens (z.B. Gott, Schöpfung, Erlösung, Gnade, Christus, Heil, Auferstehung) sterben in vielen Herzen der mittleren und jüngeren Generation den Tod des Nichtbeste­hens, des Kaltlassens, der Bedeutungslosigkeit. Es wird sogar von einer "Gottesfinsternis"[21] in der Kirche gesprochen.[22]

1.4 Christ sein

In einer pluralistischen Gesellschaft ist der Glaube nicht mehr selbstverständlich. Für viele führt ihr Weg weg von der Kir­che. Nicht allein die hohe Zahl der Kirchenaustritte verdeut­licht das, sondern auch der Rückgang der Kirchlichkeit.[23] Die bisherigen Mechanismen versagen und eine kirchliche Entfremdung tritt ein, obwohl es hier nicht um ein Nicht-Glauben-Wollen, sondern um ein Nicht-Glauben-Können geht.

Die neue Religiosität fordert spirituelle Praxis für den indivi­duellen Gebrauch. Aber gerade diese Spiritualität des christli­chen Glauben wurde intellektualisiert, was dazu führte, "dass die Meister des geistlichen Lebens mehr und mehr zu Rheto­rikern wurden, die über dieses Leben sprachen und sich im­mer weniger als Lehrer der Einübung und Einweisung in die Wege dieses Lebens erwiesen".[24]

Die Kirche muss sich eingestehen, dass sie in der Vergangen­heit in Religionspädagogik und Spiritualität oft genug das re­ligiöse Empfinden totgeredet und kaputtdoziert hat. In unse­rer Kirche finden sich wohl Wissenschaftler und große Or­ganisatoren, aber kaum Menschen mit geistigen Kapazitäten, die imstande sind, die Mensch ins geistliche Leben einzufüh­ren und wenn man sich um geistliche Führung an einen Prie­ster wendet, zögern diese oft, die Sorge der geistlichen Be­gleitung zu übernehmen. Die Hüter der Religion, die Vertre­ter der Kirche, sind heute oft selbst der existentiellen Wurzel der von ihnen dozierten Lehre entfremdet.[25]

Vielen Menschen, auch Priestern, fällt es heute schwer zu be­ten oder gar ihr Gebetleben zu entfalten. Für viele Priester ist das Brevierbeten zur Erfüllung einer juristischen Pflicht geworden[26], ohne Spiritualität, Innerlichkeit und Tiefe, die den Menschen anrührt. Mir scheint, das was Not tut, ist die Spiritualität von Grund auf zu erneuern.

Viele Christen erleben heute die Kirche nicht mehr als Heil­geber, sondern eher als Hindernis auf dem Weg zur Menschwerdung. Eine Kluft tut sich auf zwischen einer in fe­ste Begriffe gegossenen Glaubenslehre und dem wirklichen Leben im Alltag. Der christliche Glaube wurde mehr und mehr eine von außen aufgepfropfte Anstrengung. Vielen er­scheint es z.B. unmöglich an das zu glauben, was ihnen in der Kindheit erzählt wurde.

Aber nicht alle verlassen die Mauern der Kirche. Parallel zu den Austritten (seit den 60ern) breiten sich auch neue Bewe­gungen, Gemeinschaften innerhalb der Kirche aus.[27] Eines der wichtigsten Motive für die neu aufbrechende religiöse Bewegung ist das Bedürfnis nach innerer Erfahrung. Eine neue Innerlichkeit und Wiederkehr der Mystik erwacht. Ein Verlangen nach Ganzheit, die Frage nach dem Sinn und Ziel des menschlichen Weges entsteht. Nicht nur die jüngere Ge­neration verlangt nach der Erfahrbarkeit des Geglaubten. Der Mensch hat heute das Verlangen, sich religiös nicht mehr be­vormunden zu lassen. Er sucht nach mündiger, religiöser Existenz, ganzheitlicher Menschlichkeit und Identität. Heute wird ein Glaube gesucht, der auch in einer "ungläubigen Ge­sellschaft" besteht und trägt. Ein Glaube der erfahrbar ist.

2 Verlangen nach Erfahrbarem

Geschichtlich gesehen ist das Meditieren in allen christlichen Zeitaltern ein wesentliches Element. Die Befähigung zum Meditieren kommt allen Menschen als Naturanlage zu, sie gehört zum Wesen des Menschen.[28] Heute scheint man sich darüber einig zu sein, dass Meditieren und Mystik mit Gottes­erfahrung zu tun haben. Meditation ist der Weg zur Gotteser­fahrung. Mystik ist das Ergebnis, das Geschenk der Gotteser­fahrung.[29]

Allerdings tritt die Meditation nicht immer mit derselben Ausdrücklichkeit hervor und erreichte nicht immer denselben Reichtum der Entfaltung. Im Mittelalter blühte die Mystik. Bereits im 16. Jhrd. jedoch erkennt man einen Rückgang des christlichen Meditierens. In Vergessenheit geriet es auch durch den Rationalismus der Aufklärung und den Ausbruch des technischen Zeitalters. In vielen Klöstern lebte die My­stik jedoch weiter und aus diesem Grund war auch das medi­tative Element nie ganz erloschen. Wer heute erfahrbare Spi­ritualität in der Kirche sucht, kann auf einen großen Schatz blicken. Christliche Mystik hat ihre Anfänge in der Bibel und behält ihre Tradition über die Kirchenväter bis heute bei. Es erscheint also nicht allzu schwierig, meditative Elemente zu entdecken; viel schwieriger hingegen scheint es, einen Men­schen zu finden, der in diese Mystik einführt und diese christliche Spiritualität lebt. Bisher vermochten die Kirchen nicht die Erfahrungen und Bedürfnisse des heutigen Men­schen aufzufangen und aus innerer christlicher Lebendigkeit den vielen Suchenden Antwort und Heimat zu geben. Die meditative Selbsterfahrung kommt in der Kirche zu kurz. In den Gottesdiensten fehlen die Tiefen- und Erfahrungsdimen­sionen des Kontaktes mit dem Göttlichen; es fehlt nicht selten überhaupt die Fähigkeit das Wort Gottes wirklich ganzheit­lich zu hören bzw. zu erleben. Einüben ins Hören durch Meditation ist dringend notwendig, aber meditative Anleitung in den Pfarreien wird kaum geboten.

"Ein Christ kann durch die Übung der Zen-Meditation einen tieferen Zugang zur heiligen Schrift bekommen, der über das Rationale hinausgeht... Auch die Liturgie wird ihm zugängli­cher...Zur Gottesliebe kommt man heute nicht ohne Medita­tion, es sei denn, dass sie unmittelbar geschenkt wird...

...schon im katechetischen Unterricht sollte ein Kapitel über Gotteserfahrung und eines über Meditation zu finden sein"[30]

Gerade auch für den Seelsorger wäre die Meditation für seine personale Gesamtverfassung von großer Bedeutung. Der Seelsorger von heute steht zu oft in der Gefahr, unter dem übergroßen Druck der Außenbeanspruchung, deren Folge oft ein Gefühl der inneren Zerrissenheit, Unkonzentriertheit, Halbherzigkeit, Verlust der eigenen Mitte und psychische Desintegration ist, die Balance von Außenorientierung und Innenorientierung zu verlieren.[31]

Tägliche Meditation hilft ihm, sein Leben im Gleichgewicht von Wiederkehr und Rückzug, Nähe und Distanz zu halten. Seelsorger sollten aber nicht nur selber meditieren, vielmehr sollten sie auch den Menschen, die sich ihnen anvertrauen, die Grundbegriffe und Grundweisen des Meditierens vermit­teln, damit die Menschen zur Erfahrung gelangen, dass letzt­lich alles und alle getragen sind in dem, was wir Gott nen­nen. Außerdem gehört das Still-sein zu den Grundbedingun­gen seelsorglicher Kommunikation. Das stille In-sich-Ruhen führt zum vollen Gegenwärtig sein, zur Empfänglichkeit und zur sensiblen Offenheit.[32]

Die Gegenwart eines Stille ausstrahlenden Menschen steckt an und lässt die Menschen, die das Leben bisher unge-stillt gelassen hat zur Ruhe kommen. Zudem vermag niemand, der sich nicht selbst gefunden hat, den anderen wahrhaft zu fin­den. Wer selbst nicht ohne Tiefe ist, erreicht auch den ande­ren nicht in dessen Innersten und in dessen Suche und Not.[33]

"Wir erleben heute, dass Theologie-Studierende gerade beim Studium der "Gotteswissenschaft", das eine Befestigung im Glauben verleihen sollte, an ihrem Glauben irre werden, das Studium der Theologie aufgeben und einen anderen Beruf er­greifen... Theologiestudium ohne Meditation ist für den heu­tigen Menschen eine Gefahr. Das diskusive, wissenschaftli­che Denken muss durch das intuitive ergänzt werden. Erst wenn das geschieht, ist der Mensch befähigt, die Wahrheit ganz zu erfassen..."[34]

3 Auch Kirche muss lernen

Während in den 60er Jahren die offizielle Kirche noch eine ablehnende Haltung gegen die Zen-Meditation einnahm, hat das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) in Fragen der Verwendung von meditativen und kontemplativen Methoden anderer Religionen "eine fundamentale Veränderung herbei­geführt".[35] Es spricht sich ganz allgemein zugunsten der Möglichkeit einer Übernahme östlicher Meditationspunkten aus. Die "Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen" nennt als Ziel des Buddhismus und Hinduismus die Befreiung oder das Frei-werden. Im Buddhismus, so heißt es im 2. Kapitel der Erklärung, werde ein Weg gelehrt, auf dem die Menschen mit frommen und vertrauendem Sinn entweder den Zustand vollkommener Be­freiung zu erreichen oder sei es durch eigene Bemühung, sei es vermittels höherer Hilfe, zur höchsten Erleuchtung zu ge­langen vermögen. Weiter heißt es: "Die katholische Kirche lehnt nicht von alledem ab, was in dieser Religion wahr und heilig ist. Mit aufrichtigem Ernst betrachtet sie jene Hand­lungs- und Lebensweisen, jene Vorschriften und Lehren, die zwar in manchem von dem abweichen, was sie selber für wahr hält und lehrt, doch nicht selten einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuch­tet...Deshalb mahnt sie ihre Kinder, daß sie in Klugheit und Liebe, durch Gespräch und Zusammenarbeit mit den Beken­nern anderer Religionen sowie durch ihr Zeugnis des christli­chen Glaubens und Lebens, jene geistlichen und sittlichen Güter und auch die sozial-kulturellen Werte, die sich bei ih­nen finden, anerkennen, wahren und fördern".[36]

Wir sehen, dass das Zweite Vatikanische Konzil ermutigt, Spuren der göttlichen Wahrheit auch außerhalb des Christen­tums zu suchen. Es hat zum Verstehen aufgerufen und damit verbindet sich die Aufgabe des Lernens und der Integrierung dieser spirituellen Werte. Sudbrack schreibt hierzu:"...vielleicht ist der meditative Bereich ein solcher, in dem wir Christen gegenüber einem buddhistischen Mönch einmal Schüler zu sein haben..."[37]

Östliche Meditationsmethoden wie Zen können für die ge­genwärtige Lage zur Hilfe werden ohne das wir gleich Bud­dhisten werden müssen.

4 Ein neuer Weg für Christen

Seine Aufmerksamkeit auf das Wesentliche im Leben zu rich­ten, ist in unserer Zeit ein wachsendes Bedürfnis. Immer mehr Menschen entdecken, dass Meditation ihrem Leben ei­nen neuen und heilenden Gehalt und eine tiefere Sinnerfül­lung zu geben vermag. Für viele ist die tägliche Meditation bereits ein fester Bestandteil ihres religiösen Lebens gewor­den.

Vor allem H.M. Enomiya-Lassalle ist es zu verdanken, dass heute auf so breiter Basis Zen-Meditation (Zazen) im deut­schsprachigen christlichen Raum geübt und angeboten wird. Sein Erbe haben einige katholischen Priester und Ordensleute angetreten. Auch sie versuchen diese Zen-Meditation im Christentum heimisch zu machen.

5 Pater Hugo Makibi Enomiya-Lassalle SJ

5.1 Biographie

Hugo Lassalle wurde am 11. November 1898 in Externbrock bei Nieheim in Westfalen geboren. Er besuchte die Volks­schule und das Gymnasium und wurde 1916 zum Kriegs­dienst einberufen, kämpfte an der Westfront, wo er 1917 verwundet wurde. Im April 1919 trat er in die Niederdeut­sche Provinz des Jesuitenordens ein. nach seinem Studium und der Priesterweihe ging Pater Lassalle 1929 nach Japan, wo er zunächst bis 1938 in Tokyo wirkte. Er lehrte deutsche Sprache und widmete sich mit seinen Studenten der Sozialar­beit in den Slums von Tokyo. Nach zweijähriger Novizen­meistertätigkeit wurde Pater Lassalle 1940 Vicarius Delega­tus des Apostolischen Vikariates mit Wohnsitz in der Stadt Hiroschima. Zwischendurch arbeitete Pater Lassalle auch als Pfarrer, Missionar und Lehrer für deutsche Sprache.

1943 nahm er zum ersten Mal an einem siebentätigen Zen-Sesshin (siehe Anlage 5: Erklärung buddhistischer Begriffe) teil,. noch während des Krieges widmete er sich gründlich dem Zen-Studium und übte bei Harada Roshi. "...Zunächst wollte ich durch die Methode des Zen das japanische Volk tiefer verstehen lernen. Da man das Zen allein durch theore­tisches Studium nie verstehen lernt, habe ich es auch prak­tisch geübt und Zen-Meditation mitgemacht. Dabei wurde mir das Zen auch für mein eigenes religiöses Leben eine große Hilfe. Je mehr ich mich damit befasste, um so fester wurde meine Überzeugung, dass Zen - richtig geübt - jeden Menschen, gleich welcher Konfession, für sein religiöses Le­ben von großem Nutzen sein kann. Um auch anderen den Zugang zu dieser Methode zu öffnen, um ihnen einen Weg zu zeigen, wie man trotz aller Unruhe des modernen Lebens zu einer tiefen inneren Ruhe und Gelassenheit kommen kann, veröffentliche ich meine Erfahrungen..."[38]

Beim Atombombenabwurf am 6. August 1945 wurde er ver­wundet und war seitdem strahlengeschädigt. 1948 nahm er die japanische Staatsbürgerschaft und den Namen Makibi Enomiya an.

Von 1950-1978 lehrte Pater Lassalle als Professor für Religi­onswissenschaften an der Hochschule zu Hiroschima. In ei­ner Reise durch Europa und Amerika regte er den Bau einer Welt-Friedesnskirche in Hiroschima an, die bereits 1954 ein­geweiht wurde. 1968 ernannte ihn die Stadt Hiroschima für seine Verdienste um Friede und Versöhnung zum Ehrenbür­ger der Stadt.[39]

1967 nahm er an der Ost-West-Tagung "Abendländische Therapie und östliche Weisheit" auf Schloß Elmau teil. Über 400 Teilnehmer hörten sein Referat und nahmen z.T. an sei­ner praktischen Einführung in Zazen teil.[40]

1968 kam er erneut nach Deutschland und hielt die ersten Zen-Kurse ab. Anfangs stellten vor allem die Benediktiner­klöster wie Niederaltaich, Weingarten, Maria-Laach, Mün­sterschwarzach und Neresheim Übungsräume zur Verfügung.

Am 7. Juli 1990 starb Pater Lassalle als über 90ig-jähriger in Münster und 1991 wurde er in der Weltfriedenskirche zu Hiroschima beigesetzt.

Weitreichend und heute noch nicht abzuschätzen ist die Strahlkraft seines Wirkens als christlicher Zen-Lehrer. Eno­miya-Lassalle hat das Zen für das Christentum entdeckt. Das wird für immer mit seinem Namen verknüpft bleiben.[41]

5.2 Das Erbe Lassalles

Aufgrund einer ständig wachsenden Nachfrage kommen heute vor allem anerkannte Zen-Lehrer von Japan und Ame­rika nach Deutschland um Sesshins abzuhalten. Daneben gibt es jedoch auch Christen, die eine vollständige Zen-Ausbil­dung hinter sich haben und als Zen-Lehrer anerkannt sind.

Alle im deutschen Sprachgebiet sesshaften christlichen Zen-Lehrer sind Schüler des Sanûn-Zendo in Kamakura in Japan, dem Yamanda Koan Roshi, dem Meister von Pater Lassalle, vorsteht. Yamanda Koan erteilte ihnen eine Befähigung zur selbständigen Leitung von Sesshin und die Erlaubnis Koan zu geben. Diese bestätigten Zen-Lehrer haben bis auf Willigis Jäger, der ebenfalls als Roshi geweiht wurde, kein Recht ihrerseits Zen-Lehrer auszubilden.

Hier nun die bisher sieben christlichen Zen-Lehrer, die ihre Ausbildung vor 1993 in Japan beendet haben und seither in Deutschland tätig sind:[42]

Pater Williges Jäger OSB

Pater Johannes Kopp SAC

Sr Ludwigis Fabian OSB

Niklaus Brantscheu SJ

Pastorin Gundula Meyer

Prof. Dr. Theo. Peter Lengsfeld

Pater Viktor Löw OFM

9 Unterschiede in der Nachfolge Lassalles

Im August 1993 wurde von Kubata Roshi und Mas­samichi Roshi, beim internationalen Zen-Lehrer-Treff in Dietfurt (Altmühl) mit allen anwesenden Zen-Lehrern, die Situation der ersten Zen-Generation nach Lassalle analysiert. Die An­wesenden stellten fest, dass es unter den jetzigen christlichen Zen-Lehrern mit offizieller Lehrerlaubnis eines Zenmeisters, zwei Richtungen bzw. Schulen für die Zen-Praxis und -Lehre gibt.

Die einen bestehen auf vollständige Trennung des Zen-Weges von der christlichen Tradition, weil sie meinen, das reine Zen dulde nicht, dass es in christliche Formen ausgedrückt oder interpretiert wird. Paralell "...hat Willigis Jäger damit begonnen, neben Zen-Sesshin, die er regelmäßig hält, speziell für Christen "Kontemplation" anzubie­ten....wenn in beiden Arten von Kursen dasselbe angeboten wird, handelt es sich allerdings um eine bloße Unterschei­dung der Benennung"[43] In "Kontemplation" wird also die Erfahrung des Zazen in christlich-abendländische Traditionen interpretiert bzw.ausgedrückt. Für die vielen Suchenden hat er Anfang der 90er die "Würzburger Schule der Kontemplation" gegründet. Der Verein „ars vitae“ fühlt sich dieser Tradition und Schule verpflichtet.

Den Weg der Kontemplation zu gehen und zu lehren, wurde auch von beiden Zen-Meistern der Linie des Zendo in Kamakura akzeptiert mit der jeweiligen Forde­rung, dass der Weg sich ausweist als ein Weg der Erfahrung. Der Benediktinerpater Willigis Jäger wurde 1981 von dieser Zen-Linie als Zen-Lehrer autorisiert und 1996 als Zen-Meister

Damit kann zum gegenwärtigen Stand des praktischen inter­religiösen Dialoges zwischen Zen-Buddhismus und Christen­tum hinsichtlich des Zen-Weges eine objektive Aussage ge­macht werden. Sie bezieht sich auf die Linie des Zendo in Kamakura: der Zen-Weg für Christen ist grundsätzlich mög­lich, die Zugehörigkeit zu einer christlichen Konfession und ihrer Tradition ist kein Hindernis. Wie im Buddhismus selbst müssen alle Begriffe entsprechend ihrem Einweisungscharak­ter transzendiert werden in die Erfahrung.[44] Die christliche Tradition kennt einen gleichwertigen Erfahrungsweg der Mystik - die Kontemplation.

Wie nun jede der beiden Richtungen Zen und Kontemplation ihre je eigene Überzeu­gung bildet und ausdrückt, das lässt sich am besten durch ei­gene Erfahrung herausfinden.

Viel wird in Zukunft davon abhängen, dass die beiden ver­schiedenen Weisen des einen Weges nicht konkurrierend, sondern ergänzend gegangen und gelehrt werden.

Wenn von verschiedenen Menschen vielleicht die deutschsprachigen Länder als gottlose Länder oder heidnische Länder mit christlichen Restbeständen bezeichnet wird, so kann man aber auch nicht an der Tatsache vorbeisehen, dass viele Suchende mit Begrif­fen unserer religiösen Tradition nicht mehr viel anfangen können. Die Kirche und die Theologie sollten diese Situation erkennen und reagieren. Auch ein Kontemplationslehrer muss die Disposition eines Schülers erspüren und ihn so be­gleiten, dass eine Verwurzelung in dem ihm zugänglichen Grund, gemäß seiner persönlichen Geschichte, die besten Bedingungen finden. Die Menschen sollten in einer Sprache gefördert werden, für die ihnen die Ohren geöffnet sind.[45] So ist ein Kontemplationslehrer kein Funktionär eines Sy­stems, sondern er bezeugt, was in ihm geschieht und lehrt dies. So stehen die Kontemplationslehrer ohne Zweifel in der Tradition der christlichen Mystik.

[1] Kontemplation f "Nachdenken, Versenkung", sondersprachl. entlehnt aus gleichbedeutend 1. contemplatio (-onis), zu 1. contemplari "sein Augenmerk auf etwas richten, betrachten, berücksichtigen, bedenken", zu 1. templum n. "Beobachtungskreis Tempel"

Morphologisch zugehörig: kontemplativ, kontemplieren; etymologisch verwandt: Tempel (=Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 22. Aufl., Berlin 1989)

[2] Lassalle. Meditation als Weg zur Gotteserfahrung , S. 17

[3] Lassalle, Zen-Meditation für Christen, S. 31

[4] Mana, Kontemplative Meditation, S. 7-8

[5] Vgl. Jäger, Gebet des Schweigens, S. 18 und Literatur zum Jesusgebet.

[6] Stachel, Gebet-Meditation-Schwiegen, S. 177 ff.

[7] Stachel, Meister Eckehart, Alles lassen-Einswerden, S. 88

[8] Eragrius Ponticus, in: Jäger, Gebet des Schweigens, S. 38f

[9] Kösten, Suchet mein Angesicht, S. 63

[10] vgl. Massa, Kontemplative Meditation, S. 70, 119f

[11] Lassalle, Meditation als Weg zur Gotteserfahrung, S.30

[12] Pannenberg, Christentum in einer säkularen Welt, S. 55 f

[13] Küng, Theologie im Aufbruch, S. 20

[14] vgl. Erich Fromm, Die Kunst des Liebens

[15] vgl. Erich Fromm, Haben oder Sein

[16] Wunderli, Yoga + Meditation, in Reiter: Meditation - Wege zum Selbst, S. 52

[17] Sudbrock, Meine Religiösität, S. 22

[18] vgl. Moltmann, Was ist heute Theologie? S. 11-21

[19] Trierischer Volksfreund, vom 28.1.1994: Weder Zeitende noch Zeitenwende; "Postmoderne": Ein Vortrag von Prof. H.-J. Türk im Priesterseminar

[20] Trierischer Volksfreund, vom 3.3.1994: "Staat ohne Kirche", Dr. Jürgen Busche spricht vor kath. Akademie Trier

[21] B. Rootmensen, Vierzig Worte in der Wüste. S. 33

[22] vgl. Medard Kehl SJ, in: Stimmen der Zeit, Heft Nr. 8, August 1993, Band 211

[23] Walf, Stille Flucht, S. 148

[24] Waldenfels, An der Grenze des Denkbaren, S. 121

[25] Dürkheim, Zen und Wir , S. 15

[26] Tilmann, Über das Gebet heute, S. 29

[27] Schulze-Berendt, Neue religiöse Bewegungen, S. 95 + Biser, Glaubensprognose, S. 17-23, S. 181-191

[28] vgl. Lotz, Meditation, in: Handbuch religiöser Gegenwartsfragen, S. 267

[29] vgl. Sudbrack, Gotteserfahrung in Meditation und Mystik, S. 36

[30] Lassalle, Das Glück im eigenen Herzen finden, S. 58, 59

[31] vgl. Kurz, Die Bedeutung der Meditation für die Seelsorger, in: Wege zum Menschen 38 (1986), S. 149

[32] vgl. Literatur über Gesprächsführung von Carl Rogers

[33] vgl. Tilmann, Führung zur Meditation 1, S. 20

[34] Lassalle, Der Versenkungszug, S. 60

[35] Lassalle, Zen und christliche Spiritualität, S. 20

[36] Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen, in: LThK, Das Zweite Vatikanische Konzil II, S 489ff.

Unmittelbar wird die Meditation in Nr. 18 (AD GENTES) des Dekretes über die Missionstätigkeit der Kirche angesprochen. "Die religiösen Genossenschaften, die bei der Pflanzung der Kirche mitarbeiten, sollen sorgfältig überlegen, wie die Tradition des asketischen und beschaulischen Lebens, deren Keime manchmal alten Kulturen schon vor der Verkündigung des Evangeliums von Gott eingesenkt wurden, in ein christliches Ordensleben aufgenommen werden können (ThK, Das Zweite Vat. Konzil III, S. 71 ff)

[37] Sudbrack, Gebet und Meditation im Dialog der Religionen in: ThPQ 133, S. 314 f

[38] Lassalle: Zen-Weg zur Erleuchtung, S. 7

[39] vgl. Lassalle, Leben im neuen Bewußtsein, S. 131 ff

[40] Bitler, Abendländische Therapie und östliche Weisheit, S.7

[41] Lassalle, Das Glück im eigenen Herzen finden, Vorwort.

[42] Quelle: Telefonat mit Prof. Dr. Lengsfeld am 24.3.1994 (Anschriften im Anhang 12)

[43] Stachel, Gebet-Meditation-Schweigen, S. 181

[44] vgl.: Artikel, Vergessen sie nicht ihre Wurzeln!, in: Christ in der Gegenwart, Heft 50/1993

[45] siehe Anlage 1