Kontemplation - Der vergessene mystische Weg der Christen

Die Übung des Schauens

Wie kann man seinen Geist in diesen Zustand des Schauens bringen? Wie läßt sich diese letzte Klippe überwinden, die unser Ich ständig aufbaut. Es möchte bei der Erfahrung dabei sein und gerade dieses Verlangen bedeutet ein großes Hindernis. Zweckfreies Üben, das nichts erwartet, das selbst die Sehnsucht nach Gott zurücknimmt, weil auch sie noch störend wirkt, ist die Voraussetzung.

1. versuche in den Raum um dich zu lauschen. Ich sage lauschen, nicht denken. Es ist mehr ein Spüren. Du kannst am Anfang auch die Stille zu Hilfe nehmen. Lausche in die Stille, höre die Stille. Stelle dir einen 360 Grad Raum vor in dem du sitzt. Alle Geräusche und Geschehnisse sind punktuell in diesem Raum, aber nicht in Dir.

2. Stelle Dir vor, es umgibt dich ein heiliger Raum. Wo du auch gehst und stehst, du bist in einem heiligen Raum.

3. Sobald ein Gedanke erscheint, lasse ihn wieder los und gehe zurück zum Lauschen und Spüren.

4. Lausche mit großer Erwartung ohne etwas Bestimmtes zu erwarten. Schaue nicht vom Kopf her, sondern mit deinem ganzen Sein.

5. Praktiziere diese Übung auch unter Tags. Spüre ins Sein hinein.

6. Versuche diesen Zustand manchmal mit weit offenen Augen zu erreichen.

7. Übe ohne Anstrengung. Anstrengungslosigkeit ist noch schwerer zu erreichen als Entspannung. Es erfordert lange Übung, mühelos nur da zu sein. Um nichts muß gekämpft oder gerungen werden.

Castaneda berichtet von einer ähnlichen Unterweisung für das Gehen. Er läßt Don Juan sprechen: "Am Anfang unserer Verbindung hatte Don Juan mir noch eine weitere Technik geschildert. Sie bestand darin, lange Strecken zu wandern, ohne den Blick auf irgend etwas zu konzentrieren. Er hatte mir empfohlen, nichts direkt anzusehen, sondern mit den Augen leicht einwärts zu schielen, um alles, was sich dem Blick darbot, peripher im Aug zu behalten. Er hatte auch behauptet - auch wenn ich es damals nicht verstand -, dass es möglich sei, beinahe alles gleichzeitig wahrzunehmen, was in einem Winkel von 180° vor einem liegt, wenn man den Blick, ohne zu zentrieren, auf einen Punkt über dem Horizont richte. Er hatte mir beteuert, diese Übung sei das einzige Mittel, um den inneren Dialog abzustellen (Castaneda, Der Ring der Kraft, Fischer TB, S. 20).

Durch die Übung erweitert sich das Wahrnehmungsfeld. Der Beobachter wird zum Beobachteten. Schauen ins nackte Sein ist uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Man überschreitet damit das Ichbewußtsein, in dem sich Ärger, Aggression, Gedanken, Gefühle und Intentionen befindet. Es erfordert ein leichtes heiteres Fließen lassen, in Gelöstheit und Absichtslosigkeit. Es ist ein liebevoller Umgang mit dem, was ist.

Es hilft uns den Alltag zu zelebrieren wie einen Gottesdienst. Aber das ist nur analog zu verstehen. Wir sollen deswegen nicht geziert herumlaufen. Aber Religion ist Leben. Auch dieser Gebetsweg führt zurück in den Alltag. Diese innere Präsenz hat Benedikt vielleicht gemeint, als er seinen Mönchen riet, die Dinge zu behandeln wie heiliges Altargerät. D. h. den Alltag zelebrieren wie einen Gottesdienst. Dieses hochtrabende Wort besitzt einen bigottischen Beigeschmack. In Wirklichkeit meint es aber nichts anderes als präsent zu sein in jedem Augenblick.

7. Kontemplative Wege - Johannes vom Kreuz und Meister Eckehart

Johannes vom Kreuz will in seinen Büchern einen Weg in die mystische Erfahrung lehren. Nirgendwo steht das klarer als in seiner Einleitung zum Buch "Empor den Karmelberg". Dort heißt es: "Der Aufstieg zum Berg Karmel erklärt, wie man die göttliche Vereinigung schnell erreichen kann." Die Wegbeschreibung läßt sich leicht auf die Kurzform bringen, wie sie in seinem Buch "Die lebendige Flamme" zu finden ist:

"Die Seele muß Gott ein liebevolles Aufmerken

entgegenbringen, nur dies, ohne in Akten sich

zu besondern; rein empfangend muß sie sich

verhalten, ohne eigene Beflissenheit, mit

dem entschlossenen schlichten Aufmerken der

Liebe, so wie jemand in liebreicher Achtsamkeit die Augen öffnet." (28)

Der kontemplative Weg des Meister Eckehart in die Gotteserfahrung wurde bisher kaum beachtet. Für die Forschung war Eckehart vor allem als Theologe und eigenständiger Denker interessant. Er war den Philosophen und den Philologen überlassen. Eckehart, der Mystiker, hat in der Tat keinen systematischen Übungsweg hinterlassen. Aber er sagt in seinen Schriften genug über die innere Einkehr, so dass sich leicht ein Übungsweg in seinen Schriften erkennen läßt:

1. Das Nichtsuchen als Weg zu Gott

Eckehart geht es in Predigt und Schrift um den wirklichen Menschen. Er unterscheidet zwischen dem "natürlichen Menschen" und dem "gottgeborenen Menschen", der sich eins weiß mit dem Göttlichen. Die Frage für Eckehart ist also, wie der Mensch die Einheit mit Gott finden und leben kann und so wahrer Mensch wird und ganz im Leben steht. Denn es ist letztlich kein Unterschied, ob ich im Stall oder in der Kirche bin. Zu diesem wahren Menschsein wollte Eckehart seine Hörer führen.

Erst wenn der Mensch sein Ich gelassen hat, erscheint das Göttliche in der Tiefe seiner Seele. Das Lassen oder, wie wir meistens sagen, das Loslassen hat nichts mit einem Willensakt zu tun. Willentlich können wir nicht lassen.

2. Die innere Übung

Voraussetzung für die "innere Übung" bei Eckehart ist ein Dreifaches. Die Hinweise überschneiden sich, aber sind doch klar in ihrer Eigenheit zu erkennen: - Ruhe - Sammlung - Gelassenheit. Auch hier gibt Eckehart keine systematische Darstellung. Man muß sein ganzes Werk lesen. Vieles war für seine Hörer einfach selbstverständlich, da sie meistens in Klöstern lebten und einen spirituellen Weg verfolgten.

- Die Übung der Ruhe steht bei Eckehart vor jeder anderen Übung: "Des Wachens, Fastens, Betens und aller Kasteiung achtet und bedarf Gott nicht im Gegensatz zur Ruhe." (29). Zwei Schritte kennt Eckehart, wenn er von Ruhe spricht: "Entziehe dich der Unruhe äußerer Werke! Fliehe weiterhin und verbirg dich vor dem Gestürm innerer Gedanken." (30). Es reicht nicht aus, sich äußerlich abzuschließen, man kann das nicht durch Fliehen lernen. Das Innere des Menschen muß beruhigt werden. Eckehart weiß sehr gut, dass diese innere Ruhe sehr viel schwerer herzustellen ist als die äußere.

- Sammlung - "Wer Gottes Lehre empfangen soll, der muß sich sammeln und in sich verschließen vor aller Sorge und Kümmernis und dem Getriebe niederer Dinge." (31). Was auf den ersten Blick wie eine Verengung des Bewußtseins aussieht, führt in Wirklichkeit in eine Bewußtseinserweiterung: "Je mehr sich die Seele gesammelt hat, um so enger ist sie, und je enger sie ist, um so weiter ist sie." (32). Bewußtseinsammlung ist also die Vorstufe für die Bewußtseinserweiterung. Bewußtseinssammlung ist Loslassen aller anderen Möglichkeiten des Bewußtseins.

- Gelassenheit meint bei Eckehart etwas anderes als der gewöhnliche Wortsinn besagt, wie folgendes Zitat klar macht: "Niemand kann mein Wort hören noch meine Lehre, er habe denn sich selbst gelassen." (33). Gelassenheit hat bei Eckehart also zu tun mit Lassen und Loslassen. Nur wer sein Ich lassen kann, kommt der Forderung des Meisters nach. Eckehart ist auch hier von der Konsequenz eines Zenmeisters: Der Mensch muß so lassen, dass er "niemals nur einen Augenblick auf das sieht, was er gelassen hat". (34).

"Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, ist meiner nicht wert", sagt Jesus.

Aber der Mensch darf auch nicht nach vorne blicken, auf das, was er erlangen möchte: "Hast du es aber auf das, was dir zuteil werden soll, abgesehen, und schielst du danach, wird dir nichts zuteil." (35). Eckehart kommt mit seinem mystischen Weg dem Zen-Weg sehr nahe. Viele Texte könnten auch von einem Zenmeister sein. Wo Mystik echt ist, geht sie auf allgemein menschliche Grundstrukturen zurück.